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Die Generation der Einsamen als Gefahr für Apple

Fast Food macht fett, Rauchen krank – und Smartphones Kinder unglücklich? Die Debatte in den USA bringt Marktführer Apple in Bedrängnis, auch vonseiten der Aktionäre.
Fast Food macht fett, Rauchen krank – und Smartphones Kinder unglücklich? Die Debatte in den USA bringt Marktführer Apple in Bedrängnis, auch vonseiten der Aktionäre.(c) APA/AFP/OLI SCARFF
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Psychologen warnen: Zu starke Nutzung von Smartphones macht junge Menschen depressiv. Zwei Großinvestoren fordern von Apple nun Konsequenzen – durchaus aus Eigennutz.

Wien. Hedgefonds machen sich über viele Dinge Sorgen: Gewinne, Aktienkurse, Strategien oder das Management von Firmen, in die sie investieren. Die seelische Gesundheit von Kindern zählte bisher nicht dazu. Umso erstaunlicher der Schritt von Jana Partners: Am Wochenende schickte der Großinvestor einen Brief an Apple, zusammen mit dem Pensionsfonds der kalifornischen Lehrer. Die Wissenschaft, heißt es dort sinngemäß, zeige immer deutlicher, dass zu starke Nutzung von Smartphones und sozialen Netzwerken Heranwachsende süchtig und unglücklich mache. Sie fordern den Techgiganten auf, sich diesen „negativen Nebenwirkungen“ zu stellen – mit eigener Forschung und mehr Hilfe für Eltern, die Inhalte blockieren und die Zeit begrenzen wollen, die ihr Nachwuchs vor den Geräten verbringt.

Nun mag bei den Pädagogen aus Kalifornien noch soziales Verantwortungsbewusstsein als Motiv gelten. Beim Hedgefonds von der Wall Street ist das eher auszuschließen. In dem Brief steht denn auch, wo die Anteilseigner die Gefahr für sich selbst sehen: Das „sich ausbreitende gesellschaftliche Unbehagen“ könnte der „finanziellen Performance“ von Apple langfristig schaden, sprich alarmierte Eltern könnten ihren Kindern weniger iPhones und iPads kaufen, und der Staat könnte sie für die Altersklasse stärker regulieren – im Extremfall verbieten.

 

Zu Hause statt unterwegs

Die beiden Investoren halten zusammen zwei Mrd. Dollar an Apple-Aktien. Das ist zwar angesichts eines Börsenwerts von 890 Mrd. Dollar nicht viel. Aber schon mehrmals zwangen kleinere aktivistische Aktionäre den Konzern zum Einlenken, bei Themen, mit denen sie einen Nerv trafen. Worum aber geht es bei dem „Unbehagen“, das sich in Amerikas Öffentlichkeit „ausbreitet“?

So richtig losgetreten hat die Diskussion ein Magazinartikel: „Haben Smartphones eine Generation zerstört?“, fragte sich „The Atlantic“ im September – der reißerische Titel eines Textes, in dem die Psychologin Jean M. Twenge sehr sachlich den Stand ihrer Wissenschaft zusammenfasste. Sie hat auch in einem Buch den Begriff iGeneration geprägt. Es lässt sich empirisch zeigen, wie radikal sich das Freizeitverhalten von Jugendlichen in den letzten zehn Jahren geändert hat, zeitgleich mit der rapiden Ausbreitung von Smartphones und sozialen Netzwerken.

Während sie früher nach draußen drängten, um sich mit Gleichaltrigen zu treffen, bleiben sie nun viel öfter in ihrem Zimmer und vernetzen sich online. Das hat Vorteile: Weniger Partys führen zu geringerem Alkoholkonsum, seltenere Ausfahrten im Auto zu weniger Unfällen und weniger Sex zu einem Rekordtief bei der Zahl schwangerer Teenager.

 

Verbote in Frankreich

Noch nie, sagt Twenge, sei eine Generation „physisch so sicher“ gewesen. Zugleich aber sei sie „am Rand der schlimmsten Krise der geistigen Gesundheit seit Jahrzehnten“. Depressionen und Selbstmorde nehmen seit 2011 drastisch zu. In den Feldstudien geben immer mehr Jugendliche an, sich einsam, ausgestoßen zu fühlen. Es sind die gleichen, die besonders viel Zeit mit smarten Geräten verbringen. Das beweist noch keine Kausalität, sie könnte auch umgekehrt laufen: Wer sich mit Sozialkontakten im echten Leben schwertut, verkriecht sich hinter dem Bildschirm. Aber einige Studien zeigen, dass mehr Zeit online die seelischen Probleme tatsächlich verursacht.

Apple und seine Rivalen sind hier in der Defensive, viel Hilfe für Eltern bieten sie noch nicht. Facebook reagiert mit einem zweifelhaften Angebot: Theoretisch dürfen nur über 13-Jährige das soziale Netzwerk nutzen. Sehr viele Kinder geben aber einfach ein falsches Geburtsdatum an. „Messenger Kids“ soll nun den Eltern Kontrolle über die virtuellen Kontakte ihrer Sprösslinge geben. Zugleich „züchtet“ das legale Angebot aber neue Nutzerschichten heran.

In Sachen Regulierung geht Frankreich schon sehr weit: Seit heuer sind dort Smartphones aus den ersten acht Klassen verbannt, auch in der Pause (in Österreich und Deutschland entscheiden darüber die einzelnen Schulen). Und das Mindestalter für Facebook, Snapchat und WhatsApp – laut EU-Richtlinie steigt es ab Mai auf 16 Jahre – kontrollieren die Franzosen künftig ernsthaft: Die jungen Nutzer müssen zum Nachweis des Alters ihren Ausweis einscannen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2018)