KHM: Vermeer im Tageslicht

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Ein Schicksalsjahr für Vermeers „Malkunst“ beginnt: Das Kunsthistorische Museum widmet dem von der Familie Czernin zurückgeforderten Meisterwerk eine Fokus-Schau.

Du behandelst mich wie ein Objekt.“ – „Du bist eines!“ – „Zeig mir, dass du mich liebst!“ – „Ich habe keine Zeit!“ – „Zeig es mir!“ – „Ich muss das Blau verändern!“ – „Ich habe Zeit zum Modell stehen, zum Sockenstopfen, zum Kochen!“ – „Ob, bitte, zurück an deinen Platz. Du bist kein gutes Modell, du hast nicht einmal einen Busen, und du bist zu alt!“ – „Phu!“

So ähnlich könnte es gewesen sein, als der Delfter Lokalhero Joannis ver Meer, heute als Vermeer bekannt, sein zartes Modell 1666 zur ersten Sitzung für sein Meisterwerk „Die Malkunst“ bat. Jedenfalls hat die österreichische Malerin Maria Lassnig ihrem verehrten Zunft-Vorfahren diese Macho-Worte 300 Jahre später in den Mund gelegt – wobei ihr Trickfilm „Art Education“ (1976) damit endet, dass das Musen-Modell selbst an der Staffelei sitzt und der dickliche Maler posiert, nackt.

Tausend Kilometer würde sie wandern, um einen Vermeer zu sehen, erzählt Lassnig gerne. Dabei müssen es nur einige wenige sein, um von ihrem Wiener Atelier ins Kunsthistorische Museum zu gelangen. Dort hängt seit 1945 eines der raren Gemälde des niederländischen Stars. Und nicht irgendeines seiner 37 gesicherten Werke, sondern ein Meisterstück, „Die Malkunst“. Die für damals ungewöhnliche Allegorie, die sich nicht nur auf eine Figur beschränkt, sondern eine ganze Szene beansprucht, war ein „Demonstrationsstück“ der Finessen des Meisters. Die Leinwand verließ nie sein Atelier, sogar nach seinem Tod kämpfte die verschuldete Witwe mit allen Tricks darum, das Gemälde behalten zu können, vergeblich.

Die Spuren verliefen sich, bis die von Vermeer selbst so benannte „Malkunst“ in Wien, in der Sammlung des Sohnes von Maria Theresias niederländisch-stämmigen Leibarztes Gerard van Swieten, auftauchte. Als Werk des damals berühmteren Pieter de Hooch übrigens. Erst in den 1860er-Jahren, als Vermeer wieder „entdeckt“ wurde, kam die Umwidmung. Da befand sich das Bild bereits in der Sammlung Czernin, aus der es 1940 von Adolf Hitler um 1,6Mio. Reichsmark für das Linzer „Führermuseum“ abgelöst wurde. Nach dem Krieg kam die „Malkunst“ – nach einer mehrjährigen Tournee durch Europa und die USA – endgültig ins Kunsthistorische Museum. Mehrere Forderungen auf Rückstellung der Familie Czernin, die letzte 1960, wurden abgelehnt, voriges Jahr wurde erneut ein Antrag auf Prüfung gestellt. Seither arbeiten zwei Provenienzforscherinnen im KHM an dem Fall. „Frühestens“ aber, wenn die Rückgabekommission im Juni tagt, hört man aus dem KHM, werde es ein Ergebnis geben.

Verleih-Jetset von New York bis Tokio

Trotzdem konnte dieses Schicksalsjahr für die „Malkunst“ und ihr Publikum nicht viel besser beginnen: Erstmals widmet das KHM dem Prachtstück eine eigene Ausstellung. Und zwar eine dieser didaktisch so schön und wissenschaftlich so aktuell aufbereiteten Fokus-Ausstellungen im anglo-amerikanischen Stil, die man sich hier schon so oft gewünscht hat. Ein Meisterwerk wird wissenschaftlich filetiert: Erst die Geschichte aufbereitet, samt der beeindruckenden Reiseerfahrung des Bildes von New York bis Tokio. Dann wird die Technik erklärt – ob Vermeer die Camera Obscura nutzte oder nicht, werden wir zwar nie wissen, ausprobieren darf man den Effekt hier aber trotzdem.

Die zwei großen Restaurierungen des fragilen Bildes hat KHM-Restauratorin Elke Oberthaler erlebbar gemacht – sie war es auch, die „Die Malkunst“ 2008 gegen den Wunsch der Generaldirektion Seipel vor einer weiteren Japanreise bewahrte. Bei einer der danach auch international unterstützten Untersuchungen konnte unter einer Malschicht übrigens die Datierung entdeckt werden: Vermeer malte sein Liebhaberstück 1666/68.

Weitere Bilddetails werden herausgenommen und vertieft: Eine Naturtrompete, wie die Muse Clio sie hält, ist ebenso in natura zu sehen wie der Abguss einer antiken Büste des Apolls, den KHM-Kuratorin Sabine Penot in der sonst als Toten- oder Theatermaske gedeuteten Plastik am Ateliertisch erkennt. Schließlich, so Penot, ist Apoll der Beschützer der Musen – und der Gott des Lichts. Und gilt Vermeer nicht als Maler des Lichts?

Tageslicht für die Muse der Geschichte

Das setzt zur bestmöglichen Geltung seiner Werke natürlich auch Tageslicht voraus, wofür erstmals seit 15 Jahren wieder ein Fenster im Sonderausstellungssaal des Museums freigelegt wurde. Das wirft jetzt von links, wie auch im Bild, die Strahlen auf die allegorische Szene, in der der Maler gerade den Lorbeerkranz der Muse der Geschichte, Clio, auf die Leinwand zu werfen beginnt. Im Hintergrund hängt die damals bereits historische Landkarte der vereinten Niederlande, vielleicht ein politisches Statement des zum Katholizismus konvertierten Malers. Im Vordergrund ein schwerer, zur Seite gezogener Vorhang, der an eine Anekdote erinnert: Nach Plinius wetteiferten Zeuxis und Parrhasios um das Bild, das das Auge am besten täuscht. Zeuxis gemalte Trauben wurden zwar von Vögeln begehrt. Doch Zeuxis ging Parrhasios in die Falle, als er dessen Vorhang beiseite schieben wollte – er war natürlich gemalt.

Im Wettkampf um den Rang als bester Maler aller Zeiten lag Vermeer immer gut im Rennen: Für Salvador Dalí im Besonderen war er es. Leider nur als lieblose Reproduktion ist dessen Hommage „Der Geist des Vermeer von Delft, der auch als Tisch verwendet werden kann“ zu sehen, doch etwas sehr sparsam für ein Kunsthistorisches Museum. Wie es bei dem eigentlich spannenden Ausblick auf Vermeers Einfluss auf die Gegenwartskunst überhaupt ein wenig hakt. Da man nur direkte thematische Bezüge auf die „Malkunst“ suchte, musste man sich – bis auf die Ausnahmen Lassnig und Peter Greenaway – auf Künstler beschränken, die sonst nicht zu den spannendsten zählen, etwa Sophie Matisse, Donald Celender oder George Deem. Für eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit Vermeer hätte man den Fokus öffnen müssen – etwa nachspüren müssen, was für Künstler heute ein „Demonstrationsstück“ bedeutet. Was den Rahmen allerdings klar gesprengt hätte. Also, erstmals in der Haag-Ära, eine sanft glänzende Eins.

Geschichte eines Meisterwerks

„Die Malkunst“ wurde 1666/68 vom Delfter Maler Johannes Vermeer (1632–1675) geschaffen. Es stellt die Allegorie der Malkunst dar, Modell ist die Muse der Geschichte, Clio. Das Bild verließ nie Vermeers Atelier, es diente als Demonstrationsstück für seine Finessen.

Nach Vermeers Tod tauchte das Gemälde wieder in der Sammlung des Sohnes des Arztes von Maria-Theresia, Gerard van Swieten, auf, als Werk Pieter de Hoochs. Als solches ersteigerte es 1804 Rudolf Graf Czernin. Bis 1940 war es in der Czernin-Sammlung in Wien zu sehen, dann löste es Hitler um 1,6 Mio. Reichsmark ab. 1945 kam es in den Besitz des KHM. 1960 wurde zuletzt ein Ansuchen auf Rückgabe der Czernins abgelehnt. 2009 erbaten sie eine erneute Überprüfung. [KHM]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2010)

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