„Man missbraucht das Wort Europa“

„Man missbraucht das Wort Europa“
„Man missbraucht das Wort Europa“(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Serbiens bekannteste Dramatikerin spricht heute im Akademietheater. Biljana Srbljanovic, die Nichte von Radovan Karadzic, ist eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen Serbiens.

Mögest du in interessanten Zeiten leben“, hieß es in China, wenn man jemandem Böses wünschte. Biljana Srbljanovic bekam diesen Fluch zu spüren. Mit kaum dreißig Jahren erlebte sie in ihrer Heimatstadt Belgrad den Kosovo-Krieg mit, schrieb ein (teilweise im „Spiegel“ publiziertes) Kriegstagebuch, in dem sie sich von ihrem Onkel, dem Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, distanzierte.

Heute ist sie die bekannteste Dramatikerin und eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen Serbiens. Diese Stimme kann man heute im Akademietheater hören, im dritten Teil der Reihe „Kakanien“ – wie der sonderbare Staat in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ heißt. Dichter sprechen über den „neu zusammenwachsenden Donauraum“.

„Ich gehöre zu einer Generation und einem kulturellen Raum, in dem Musils Roman Kultstatus hat und viel wichtiger ist als etwa Proust oder Joyce“, erzählt Srbljanovic: „Seit Jahren lese ich das Buch in verschiedenen Übersetzungen, unter verschiedenen Aspekten. Wir hatten lange Zeit nur eine kroatische Übersetzung. Und obwohl für mich Serbisch und Kroatisch zwei Versionen einer Sprache sind, haben die Nuancen auch die unterschiedlichen Schattierungen unserer Kulturen unterstrichen. Mir hat der Roman in kroatischer Übersetzung jahrelang gesagt, dass Ulrich jemand ist, der mir nahe ist und doch ein bisschen entfernt. Ulrich war der vom anderen Flussufer – Österreich-Ungarn kam ja bis nach Belgrad, blieb aber auf der anderen Seite des Flusses, der die Staaten teilt. Kürzlich kam mir eine serbische Übersetzung unter, und zum ersten Mal habe ich den Roman gelesen, als würde ich über mich selbst lesen.“

„Moderat zu sein ist nichts für mich“

Was hat Musils Kakanien mit dem Donauraum von heute zu tun? „Dem ,Mann ohne Eigenschaften‘ fehlt es an einem ,totalen Weltbild‘ – typisch für die Grenzkulturen, die aus dem gesellschaftlichen Raum Kakaniens hervorgegangen sind.“ Sonst könne die Geschichte Österreich-Ungarns wenig zur Erklärung der heutigen Situation Serbiens beitragen. „Um die Lösung für das ,serbische Puzzle‘ zu finden, wie weit soll man da zurückgehen? Warum nur hundert Jahre? Warum nicht bis zur Eroberung des mittelalterlichen Serbiens durch das Osmanische Reich, das jeden Einfluss der Renaissance von diesem Gebiet abhielt? Es ist immer gut zu versuchen, die Gründe von Ereignissen zu verstehen – aber die Gründe in der menschlichen Natur sind doch immer dieselben.“

Seit Dezember ist Serbien offizieller EU-Kandidat – was bedeutet „Europa“ für die viel reisende Dramatikerin? „Für mich muss Europa das sein, was früher der amerikanische Traum war: ein Schmelztiegel nicht nur von Nationalitäten und Religionen – davon halte ich nicht viel –, sondern von kulturellen Einflüssen, Gerüchen, Bildern und Tönen. Ich werde richtig wütend, wenn ich höre, wie man das Wort Europa missbraucht – die Menschen sagen es und meinen die EU, nicht den Kontinent! Serbien ist schon jetzt in Europa, und auch wir sind das Gesicht dieses Kontinents.“

Politisch hat sich Srbljanovic gegen Milosevic engagiert (sie war auch unter den heftigsten Kritikerinnen von Peter Handke), 2008 kandidierte sie bei den Bürgermeisterwahlen für die kleine Liberaldemokratische Partei. „Wir kamen in die Stadtregierung – mit einem Programm, das die Unabhängigkeit des Kosovo, Minderheitenrechte und kompromisslose Modernisierung des Staates forderte.“ Dennoch kann sie sich keine ernsthafte politische Karriere vorstellen. „Ich bin keine Amtsperson, die täglich Kompromisse eingeht. Moderat zu sein ist nichts für mich. Ich kann mich ja nicht einmal mit meinem eigenen Alter versöhnen! Ich fühle mich immer noch wie ein dummes junges Mädchen – ich bin ehrlich überrascht, dass mein Gesicht und mein Körper etwas anderes sagen.“

Im Akademietheater: „Kakanien“

Heute, Dienstag, um 20 Uhr spricht
im Akademietheater Biljana Srbljanovic (geboren 1970) im Rahmen der Reihe „Kakanien – Neue Republik der Dichter“. Anschließend gibt es ein Gespräch mit „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker
(in englischer Sprache).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26. Jänner 2010)

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