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Die unbekannten Ecken der Stadt

"Kaiserstöckl" heißt das schönbrunngelbe Gebäude, das Maria Theresia für ihren Leibarzt Gerhard van Swieten errichten ließ.
"Kaiserstöckl" heißt das schönbrunngelbe Gebäude, das Maria Theresia für ihren Leibarzt Gerhard van Swieten errichten ließ.(c) Harald A. Jahn / www.viennasl

Eine alte Mühle, seltsame Malereien und unbekannte Barockschlösser: Es sindweniger beachtete OrteWiens, die man dank eines neuen Buchs entdeckt.

Sie ist auf den ersten Blick nicht zu sehen, und auch nicht auf den zweiten. Viele, die die Heumühlgasse auf der Wieden entlang spazieren, ahnen wohl nichts von der namensgebenden Mühle, der ältesten Wiens übrigens. Man muss schon wissen, dass man das Tor beim Haus Heumühlgasse 9 ruhig öffnen und eintreten darf, um sich die Heumühle im Hof ansehen zu können. Vor ein paar Jahren noch war das mehr als 600 Jahre alte Gebäude – das heute von Wohnbauten mit bunten Balkonen umrahmt wird – dem Verfall preisgegeben. Mittlerweile ist die Mühle, eine von vielen, die es in der Gegend rund um den Wienfluss einst gab (Straßennamen wie Schleifmühl- und Hofmühlgasse erinnern noch daran), saniert und schön anzusehen.

Die alte Heumühle: Eine nette Entdeckung – und bei weitem nicht die einzige, die Autorin Isabella Ackerl in ihrem Buch „Unbekanntes Wien“ vorstellt: Fast 100 Gebäude, Inschriften, Straßen, Denkmäler oder Kapellen werden da in kurzen Kapiteln vorgestellt, die auch passionierte Wien-Besucher und langjährige Bewohner wohl noch nicht alle kennen.

Auch wenn es vielleicht ein bisschen dreist ist, Orte wie den Naschmarkt in einem Buch über das unbekannte Wien zu versammeln: Man lernt durchaus das eine oder andere Neue über Wiens überlaufenes Marktgebiet (wem ist schon je die Marienkapelle mitten auf dem Markt aufgefallen?) – und schaut beim nächsten Mal vielleicht genauer hin, wenn man an dem Marktamts–Gebäude vorbeikommt, das von Otto Wagner entworfen wurde.

Schöne Innenhöfe. Viele der porträtierten Orte kennt man tatsächlich nicht – oder hat sie beim Vorbeigehen nicht weiter beachtet. Das Buch schließt so manche Wissenslücke und erzählt wie nebenbei auch ein wenig von Wiens Stadtgeschichte – etwa im Kapitel über die Reste der Stadtmauer, die man unter anderem auf der Stubenbastei sehen kann. Gerade im ersten Bezirk lassen sich viele Orte zu einer kleinen (oder auch größeren) Entdeckungstour kombinieren – das Buch ist allerdings nicht nach der geografischen Lage der Gebäude, sondern nach Epochen (Barock, Gründerzeit, Jugendstil) und Gebäudetypen (Kirchen, Friedhöfe etc.) gegliedert.

Wer im ersten Bezirk unterwegs ist und den wunderbaren Heiligenkreuzerhof noch nicht kennt, sollte jedenfalls einen Abstecher einplanen. Noch weniger bekannt ist der hübsch verwachsene Deutschordenshof, der im Sommer als Outdoor-Konzertsaal genutzt wird. Und nur wenige Minuten weiter findet man in der Bäcker-, der Bogner- und der Wallnerstraße einige seltsame Zeichen und Fresken an den Hauswänden, mit denen man ohne Hintergrundwissen nicht viel anfängt.

So sind auf dem Haus Bäckerstraße 12 die Reste einer Wandmalerei zu sehen, auf der man eine Kuh, die eine Brille zu tragen scheint, sieht, daneben ein Brettspiel und Reste einer menschlichen Figur. Dabei handelt es sich aber nicht etwa, wie Autorin Ackerl erklärt „um einen erfinderischen Tierbändiger, der einer Kuh das Brettspiel beibrachte“. Das Fresko, das vermutlich aus dem 17. Jahrhundert stammt, macht sich, so die Vermutung, über Protestanten lustig. Es entstand in einer Zeit, in der „in Wien schon längst die Gegenreformation gesiegt hatte“. Überhaupt findet sich im ersten Bezirk manches alte Haus mit interessanten Schildern: „Wo die Böck' aneinander stoßen“ (Postgasse 1) etwa.

Nicht alle porträtierten Orte sind im Zentrum zu finden, und das ist gut so: Neben den bekannten Jugendstil-Aushängeschildern lassen sich auch weniger bekannte Jugendstil-Häuser entdecken: Wie das Hotel Favorita in der Laxenburger Straße oder, im dritten Bezirk, das mit grünen Fließen verkleidete Haus Ungargasse 59−61, eines von wenigen Gebäuden in Wien, das der Wagner-Schüler Max Fabiani entworfen hat.

Und wie oft ist man auf dem Weg in den Zoo an jenem Haus vorbeigegangen, in dem die Hietzinger Post liegt? „Kaiserstöckl“ heißt das schönbrunngelbe Gebäude, das Maria Theresia für ihren Leibarzt Gerhard van Swieten errichten ließ. Später residierten hier k. und k. Minister, nach dem Ersten Weltkrieg wurde es zu einem eleganten Café. Seit 1929 ist in dem Barockschlösschen die Post untergebracht.

Buch

Unbekanntes Wien. Verborgene Schönheiten. Zauberhafte Kleinode
von Isabella Ackerl (Text) und Harald A. Jahn (Fotos) ist im Styria-Verlag erschienen.
253 Seiten, 22,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2018)