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Und wieder tschüss für lecker: Das Wort Würde ist aus der Mode

Das große Leserecho auf die letzte Kolumne zeigt offenbar, wo viele Menschen wirklich der Schuh drückt.

Hören wir auf mit der Weltpolitik! Auf der koreanischen Halbinsel Nordostasiens bahnt sich so etwas wie Versöhnung an – na und! Was ist das alles verglichen mit den Problemen, Fragen und Antworten, die ich in meiner letzten Kolumne aufgeworfen habe. Tschüss für lecker: Das ist es, was die Menschen – oder jedenfalls die Leser und die Leserinnen meiner Kolumne – vor allem zu interessieren scheint. Schluss, wirklich Schluss mit Wörtern oder Redewendungen, die nördlich der Rhein-Main-Grenze gebräuchlich sind, aber schon in Bayern und vor allem in Österreich kaum verwendet werden.

Selten noch habe ich zu einem „Presse“-Artikel so viele und fast nur zustimmende Briefe und Anrufe bekommen wie auf den erwähnten Kommentar, in dem ich mich über die immer häufiger verwendeten Wortgebilde geärgert habe, die ich und viele Gesinnungsgenossen und -genossinnen (zum Teufel mit der Genderisierung!) als „piefkinesisch“ bezeichne. Wir sind Österreicher und vor allem Wiener. Wir sprechen zwar Hochdeutsch, aber mit Wiener Akzent und bemühen uns, diese bodenständige Sprache auch weiterhin zu verwenden.

Deswegen darf ich meinen Ausführungen vom letzten Mal eine Fortsetzung hinzufügen. Dazu gehören Fragen, die zu weiteren führen und Antworten heischen, die wieder neue Fragen aufwerfen. Da ist einmal die Erkundigung nach der Ursache der Wiederholung von Behauptungen, die bei uns nicht so bestimmt und explizit formuliert werden. Warum sind die österreichischen Konsequenzen hochdeutscher Wortgebilde gelegentlich anders als Ähnliches im Norden?


Warum, zum Teufel, muss man „cool“sagen, um ein zustimmendes Werturteil zu fällen? Warum muss man „geil“ sagen, um Lustvolles verbal zu markieren, wo doch dieses Wort anfangs etwas ganz anderes bedeutete? Warum ist etwas ein „Hammer“,wenn man es doch auch als „gut“ oder „überaus gut“ bezeichnen könnte?

Da aber sind wir bei einem nicht minder aktuellen Problem: bei Wörtern, die nur mehr selten verwendet werden, während sie zusammengesetzt mit anderen Eigenschaften durchaus gebräuchlich sind. Das Wort „Würde“ gehört dazu. Es ist fast außer Gebrauch gekommen. Wer ist „würdig“, wer ist voll der „Würde“, wer kann „Würde“ gleichsam strahlen lassen?

Gewiss, der Papst – sogar Franziskus, der nichts unversucht lässt, würdelos zu erscheinen, zum Unterschied von seinen Vorgängern – hat das Wort „Würde“ gleichsam usurpiert. Aber sonst? Man hat sich keine weltlichen Monarchien ohne eine Spur von Würde vorstellen können – bis sie plötzlich würdelos geworden sind. Ich kann mich an Zeitungsfotos von einem Besuch einer Gruppe österreichischer Jungpolitiker beim Oberhaupt eines Nachbarstaates erinnern, die fast alle krawattenlos erschienen waren und sich um keine Spur von Würde kümmerten.

Diesem Ausdruck ist dann auch ein zweiter an die Seite zu stellen: Ehrfurcht. Es gibt sie nicht mehr. Als zusammengesetztes Eigenschaftswort ist er noch im Gebrauch, aber keiner kann sagen wie lange noch. Allein, es zahlt sich nicht aus, darüber zu grübeln. Auch die Sprache modernisiert sich ständig. Sind wir froh, dass es die deutsche bleibt – mit österreichischem Akzent. Über kurz oder lang wird man ohnehin nur mehr englisch sprechen. Okay!

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2018)