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Grazer Schauspielhaus: Selten so gelacht am schillernden Zauberberg

Belebendes für aufgeschlossene Abonnenten: Munter-bunte „Zauberberg“-Version in Graz.
Belebendes für aufgeschlossene Abonnenten: Munter-bunte „Zauberberg“-Version in Graz.(c) Lupi Spuma

Kritik Alexander Eisenach bearbeitete und inszenierte Thomas Manns Roman. Er bringt Leben in die Bude, was auf Kosten des philosophischen Diskurses geht. Das Ensemble überzeugt weitgehend im filmischen Panorama.

Ein Bähnle tuckert durch die Nacht. Hans Castorp ist der einzige Passagier, die anderen sind Schweizer Grenzschützer. So beginnt „Der Zauberberg“ nach Motiven aus dem Roman von Thomas Mann im Grazer Schauspielhaus. Anfangs gibt es eine Hustenorgie im Publikum und auf der Bühne. Die Schauspieler tun einem schon leid, es soll noch strapaziöser kommen. Der Berliner Alexander Eisenach (33) hat Erfahrung in literarischer Bergwerksarbeit. Aus Clemens J. Setz „Die Frequenzen“, ein Beziehungsspiel von über 700 Seiten, brach Eisenach Brocken für ein Mosaik heraus. Chronologie und Ordnung spielten hier keine Rolle. Die Aufführung war ebenfalls in Graz zu sehen. Manns Roman „Der Zauberberg“ (1924) ist mit 1000 Seiten noch dicker.

Im Programmheft malt Eisenach tiefschwarz: „Die Ideale von Humanismus und Aufklärung sind die leeren Worthülsen einer Elite geworden, die ihre Kinder auf Privatschulen schickt, ihr Geld in Steueroasen parkt und sich vom Gesellschaftsvertrag verabschiedet hat.“ Böse Reiche! Mann, Lübecker Patrizier und Nobelpreisträger, sah das nicht ganz so schlicht. In „Adel des Geistes“ schreibt er sinngemäß, Europa müsse einen eigenständigen Weg zwischen russischem Kommunismus und amerikanischem Kapitalismus finden. Zum Glück hat Eisenach den „Zauberberg“ nicht mit der linken Spitzhacke bearbeitet, vielmehr geht es sehr lebhaft, theatralisch und bildmächtig zu.

 

Sinnlichkeit geht kreuz und quer

Hans Castorp, Schiffsingenieur aus Hamburg, ein Bruder Simpel, ein Parsifal – Mann verehrte Wagner – reist nach Davos, um im dortigen noblen Lungensanatorium seinen Vetter Joachim Ziemssen zu besuchen. Aus drei Wochen werden sieben Jahre, die mit dem I. Weltkrieg enden. Der junge Mann erlebt in dieser magischen Märchenzeit, Märchen sind auch schaurig, eine große innere und äußere Reise. Er sieht Menschen sterben und gerät in tödliche geistige Kämpfe.

Raphael Muff als Hans im Glück (und Unglück) hat langes Blondhaar und sieht aus wie ein Mädchen – oder ein Hermaphrodit. Eisenach deckt die in Manns Roman diskrete Sinnlichkeit auf, der Dichterfürst und Vater von sechs Kindern war bisexuell. Castorps Schwärmerei für Jünglinge und seine Schwelgerei in Leidenschaft für die rätselhafte Russin Clawdia Chauchat (schön, elegant: Sarah Sophia Meyer) füllen im Buch viele Seiten. In Eisenachs dreieinhalbstündiger Aufführung mit Pause wird Begehren geschmackvoll filmisch illustriert. Jeder hat in dieser Nummernrevue seinen großen Auftritt. Bei der Premiere am Freitag gab es Szenenapplaus für die Sprachfeuerwerke – in denen allerdings das Spiel oft wichtiger ist als der Inhalt. Eisenach wandelt auf Frank Castorfs Spuren, aber seine Figuren wirken weniger verstörend. Der Abend ist für aufgeschlossene Abonnenten gedacht.

 

Nummernrevue mit Highlights

Seltsam wirken Clemens Marie Rieglers unmilitärischer und Florian Köhlers unitalienischer Humanist Settembrini, aber klar: Ziemssen ist ja todkrank, seine Hingabe ans Soldatenleben tragisch. Und Settembrini könnte auch ein missionarischer deutscher Pädagoge sein. Ziemssen-Riegler begeistert als Improtheater-Blitz, der seinen Cousin in seiner hündischen Passion für Madame Chauchat parodiert. Es geht sehr lustig zu auf diesem „Zauberberg“. Behrens, der Arzt (Frederik Jan Hofmann), trägt Hörner beim entfesselten Karneval. Dr. Krokowski mit Sinn für Freud und Spiritismus ist eine Dame. Der Kolonialist Peperkorn (Franz Xaver Zach) schildert plastisch seine Potenzprobleme und folgt einem Adler in die Lüfte des Schnürbodens. Nur Nico Link als jüdischer Ex-Jesuit Naphta zeigt das dem Stoff immanente Dunkle. Wenn er sein Kreuz schleppt, gegen Wissenschaft polemisiert, Urchristentum predigt, öffnen sich Abgründe. Sonst wirkt manches effekthascherisch.

Es gab gar manche schöne klassische „Zauberberg-Aufführung“, etwa bei den Festspielen in Reichenau im Südbahnhotel, diese hier ist zerfasert, ungestüm und chaotisch wie das Leben selbst. Und wer sich geduldet und nicht in der Pause flüchtet, wird sehen, wie sich diese etwas überambitionierte Produktion im zweiten Teil fast perfekt rundet und verdichtet. Wer so leckere Appetizer nicht mag, wähle die Lektüre. Immer wieder lesenswert, Thomas Mann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2018)