Überleben im Zeitalter des Kapitalraubbaus

Von den Folgen der Kapitalerosion der vergangenen Jahrzehnte sind nicht alle Menschen in gleichem Maß betroffen.

Ist in der aktuellen politischen Debatte von „Kapital“ die Rede, wird dieser Begriff meist eindimensional verstanden: Ob es sich nun um die Kapitalanlage eines sparenden Bürgers, Kapitalreserven von Vorsorgekassen, das Startkapital eines Jungunternehmers oder die Kapitalgewinnsteuer auf Anlagen handelt – Kapital wird in all diesen Fällen mit Geld gleichgesetzt.

Doch Kapital ist nicht gleich Geld. Ersteres ist eine weitgehend irreversible Struktur, die sich aus heterogenen Elementen wie Gütern, Wissen, Menschen, Talenten und Erfahrungen zusammensetzt. Geld ist bloß jenes Hilfsmittel, das es uns ermöglicht, die unglaublich komplexe Kapitalstruktur einheitlich zu erfassen und mit ihr betriebswirtschaftlich zu kalkulieren. Geld dient als Grundlage für die wirtschaftliche Bewertung der verschiedenen Ausprägungen von Kapital.

In modernen Ökonomie-Lehrbüchern wird Kapital in der Regel durch den Buchstaben „K“ beschrieben. Dieser konzeptionelle Ansatz verleitet allerdings zu der irreführenden Annahme, dass Kapital eine homogene Größe sei, die leicht zu quantifizieren wäre.

 

Umwege und Irrwege

Unter den verschiedenen ökonomischen Denkschulen ist es einzig die „Österreichische Schule der Ökonomie“, die die Heterogenität des Kapitals herausstreicht. Die „Österreicher“ haben zu Recht erkannt, dass Kapital nicht automatisch wächst oder wenigstens bestehen bleibt. Vielmehr muss Kapital aktiv geschaffen, bewirtschaftet und erhalten werden – durch Produktion, Sparen und sinnvolle Investitionen.

Im Produktionsprozess muss zwischen zwei Arten von Gütern unterschieden werden: zwischen Konsum- und Kapitalgütern. Konsumgüter werden für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung verwendet (etwa Lebensmittel). Nahrung trägt direkt dazu bei, das menschliche Bedürfnis nach Stillung des Hungers zu befriedigen. Die Kapitalgüter stellen hingegen Zwischenschritte in der Produktion von Konsumgütern dar. Sie sind jene wirtschaftlichen Mittel, mit denen das Ziel der Bedürfnisbefriedigung mittelbar erreicht wird. Ein Backofen ist jenes Kapitalgut, das es dem Bäcker ermöglicht, für seine Kunden das Konsumgut Brot herzustellen.

Zur Steigerung der Produktivität und damit des materiellen Wohlstands ist Kapitalbildung unerlässlich. Die logische Voraussetzung dafür ist, dass der Konsum von Konsumgütern, also die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, vorübergehend eingeschränkt wird. Durch den Aufbau von Kapitalgütern verändert sich in weiterer Folge die Produktionsstruktur der Wirtschaft, sie wird verlängert und vertieft. Diese Eingliederung neuer Kapitalgüter erlaubt das Einschlagen von ertragreicheren Produktionsumwegen. Kapitalaufbau ist also stets der Versuch, über Produktionsumwege längerfristig Mehrerträge zu generieren.

Diese höheren Erträge sind jedoch keinesfalls garantiert, da sich Umwege auch als Irrwege herausstellen können. Letztlich werden nur solche Umwege beibehalten, die die gewünschte Mehrergiebigkeit mit sich bringen.

Deshalb darf davon ausgegangen werden, dass kapitalintensivere Produktionsstrukturen eine höhere Ergiebigkeit aufweisen als weniger kapitalintensive. Je wohlhabender der Wirtschaftsstandort, desto kapitalintensiver ist auch dessen Wirtschaftsstruktur.

Die Tatsache, dass wir heute einen so hohen Lebensstandard genießen können, ist das Ergebnis jahrzehntelanger oder gar jahrhundertelanger kultureller und wirtschaftlicher Kapitalakkumulation unserer Vorfahren.

 

Abkehr vom Goldanker

Ist ein Kapitalstock einmal aufgebaut, ist er nicht für die Ewigkeit bestimmt. Kapital ist vergänglich. Es verschleißt sich oder veraltet. Vorhandenes Kapital erfordert daher fortwährende Reinvestitionen, die in der Regel direkt aus dem Kapitalertrag getätigt werden können. Werden solche Reinvestitionen vernachlässigt, weil beispielsweise der gesamte Ertrag oder mehr konsumiert wird, führt dies zu Kapitalverzehr.

Nicht nur unser verkürztes Verständnis von Kapital führt zu dessen unbewusstem Konsum. Der jetzige Kapitalkonsum ist auch systemisch bedingt. Ein maßgebliches Ereignis war die 1971 vorgenommene Loslösung unseres Geldes vom Goldanker. Dieser zweifelhafte politische Akt ließ uns die seither andauernde Ära des Papiergeldes betreten.

Rückblickend lässt sich sagen, dass die Abkehr vom Gold eine währungsgeschichtliche Zäsur darstellte und ein monetäres Experiment einläutete. So hat diese Abtrennung eine noch nie dagewesene Instabilität der Zinssätze zur Folge gehabt. Während die Zinsen – solange Geld noch an Gold gebunden war – relativ wenig volatil waren, stiegen sie nach 1971 dramatisch an und erreichten 1981 einen Höchststand von 16 Prozent (zehnjährige-US-Staatsanleihe), bevor sie einen Sturzflug einleiteten, der bis heute andauert.

 

Sinkende Renditekaufkraft

Ein Beleg für die Kapitalerosion ist der Rückgang der sogenannten „Yield Purchasing Power“ – auf Deutsch: „Renditekaufkraft“. Diese besagt, wie viele Güter das Einkommen – oder genauer der Zinsertrag – der Ersparnisse kauft. Aufgrund der fallenden Renditekaufkraft ist die Möglichkeit, Zinserträge aus Sparguthaben zu generieren, drastisch gesunken. Sobald Null- oder Negativzinsen erreicht sind – was gegenwärtig der Fall ist – reicht die Rendite des angesparten Kapitals oft nicht mehr aus, um davon leben, geschweige denn einen angemessenen Lebensstandard finanzieren zu können.

Folglich muss zur Stabilisierung des Einkommensniveaus das angesparte Kapital aufgebraucht werden – so wie wenn der Bauer mit seinem Saatgut nicht mehr die Felder bestellt, sondern es selber essen muss.

Es steht außer Frage, dass heutzutage ein Kapitalraubbau stattfindet. Doch sind nicht alle Menschen in gleichem Maß davon betroffen. So wirkt sich die Zinspolitik oftmals negativ auf das Wirken der Unternehmer aus.

Investitionen, insbesondere kapitalintensive, erscheinen aufgrund der durch die Zentralbankeninterventionen künstlich gedrückten Zinsen lukrativer, als sie es eigentlich sind, Gewinne der Unternehmer erscheinen höher und die Reserven niedriger. Diese und andere inflationsbedingte Verzerrungen begünstigen den letztlich wohlstandsmindernden Konsum des Kapitalstocks.

 

Unangenehmes Erwachen

Zwei Faktoren haben die Folgen des Kapitalverzehrs in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gemildert; der technologische Fortschritt und die stark zunehmende wirtschaftliche Verflechtung mit Osteuropa und Asien bedingt durch den Zusammenbruch des Kommunismus. Gleichzeitig schafft es der umverteilende Wohlfahrtsstaat, die Auswirkungen des Kapitalverbrauchs in gewissem Maß zu kaschieren. Es bleibt abzuwarten, wie lange das noch so weitergehen kann.

Doch ist der Kapitalstock erst einmal aufgebraucht, wird das Erwachen wohl unangenehm sein.

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DER AUTOR

Mag. Ronald-Peter Stöferle (*1980 in Wien) studierte Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie in den USA. Derzeit Fondsmanager und Partner der Incrementum AG in Liechtenstein. Mitautor des Buches „Österreichische Schule für Anleger – Austrian Investing zwischen Inflation und Deflation“. [ Privat]