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Gastkommentar

Ruhestand in der Hängematte? Muss nicht sein

Ein Drittel der Österreicher kommt im schwarz-blauen Regierungsprogramm praktisch nicht vor. Ein eklatantes Versäumnis. Denn Menschen zwischen 60 und 80 können fast alles bewegen – wenn man sie nur lässt.

Über das Potenzial der Menschen nach dem Ausscheiden aus der Berufstätigkeit habe ich kein Wort im Regierungsprogramm gefunden. Nur die Absicht, die Lebenssituation der älteren Generation zu verbessern sowie altersgerechtes Arbeiten sozial und wirtschaftlich zu garantieren. Aber dazu gibt es keine Maßnahmen. Die Regierung scheint da etwas nicht erkannt zu haben.

Unsere Generation ist die erste, die über eine Lebensphase mehr verfügt als alle vorhergehenden: die Freitätigkeit. Eine Lebensphase, die es vorher gar nicht gegeben hat. Was ist geschehen? Ein Bündel von Entwicklungen, von der medizinischen Vorsorge, der Aufklärung und Heilung über Maßnahmen, die die Bevölkerung wie selbstverständlich übernommen hat, hat dazu geführt, dass wir immer älter werden. Glücklicherweise gab es darüber hinaus schon lang keine Kriege mehr bei uns, viele einstmals tödliche Krankheiten sind ausgerottet, der Lebensstil der Menschen hat sich geändert.

 

Verschenkte Lebensjahre

Das Ergebnis ist eine unheimlich stark gestiegene Lebenserwartung. Zwei Daten dazu: Alle 24 Stunden steigt unsere Lebenserwartung um sechs Stunden – nicht Minuten oder Sekunden. Es sind Stunden. in Österreich gab es beispielsweise 1971 insgesamt 54 Hundertjährige, heute sind es bereits 1350. Und die Lebenserwartung steigt noch weiter, kein Forscher prognostiziert eine Trendumkehr.

All das hat bewirkt, dass Menschen nach dem Ausscheiden aus ihrer Berufstätigkeit in der Regel noch ein Viertel, manche sogar noch ein Drittel ihres Lebens vor sich haben. Mit anderen Worten: Nach dem Beruf und vor dem Ruhestand hat sich eine neue Phase „hineingeschoben“, die nach Ansicht vieler in der Regel 20 und mehr Jahre dauern kann.

Was kann in diesen Jahren geschehen? In dieser Zeit – zwischen 60 und 80 – können Menschen noch fast alles bewegen: Sie können auf den Montblanc steigen, Marathon laufen oder eine Firma gründen. Wenn sie – und das ist entscheidend – nicht auf ihr Geburtsdatum blicken und aus der Perspektive des Rückspiegels vielleicht an den Großvater denken und sich so verhalten, wie sie ihn in Erinnerung haben.

Es liegt nach der Berufstätigkeit also eine lange Lebensspanne vor uns. Damit geht die brennende Frage einher: Wie kann ich diese Zeit sinnerfüllt gestalten? Jeder Mensch möchte am Ende seines Lebens zurückblicken und sagen können, mein Leben war sinnvoll, ich kann stolz darauf sein. Ich habe in meinem Tun eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn meines Lebens gefunden.

Diese lange Lebensspanne stellt die Frage, wie wir mit ihr umgehen. Es gibt unzählige Untersuchungen, die beweisen, dass diejenigen, die nach dem Berufsleben nur noch genießen und sich schonen wollen, pro vor ihnen liegendem Lebensjahr zwei Monate ihres Lebens verschenken.

 

Geplatzte Träume

Umgekehrt ist es nach Ansicht nicht nur vieler Hirnforscher sinnvoll, sich zu fordern und einer Herausforderung zu stellen, ja vielleicht eine Vision für das eigene Leben zu haben. Jüngste Umfragen zeigen, dass gerade in Österreich, wo dieses Denken dominant war, der Traum von der Frühpension für viele geplatzt ist: Es ist nicht der Himmel, sondern oftmals für viele das genaue Gegenteil. Viele sagen heute laut, was früher nur im engsten Kreis angedeutet wurde, dass sie gern etwas tun, etwas leisten, einen Beitrag für die Gesellschaft oder eine bestimmte Personengruppe leisten würden. Wenn sie nur wüssten, wo und wie. Wer diese neue Lebensphase bewusst annimmt und nützt, tut nicht nur sich, sondern auch anderen etwas Gutes. Diese Zeit ist wie geschaffen, etwas mit ihr zu unternehmen.

Der Schlüssel zu einer herausfordernden Tätigkeit sind die eigenen Potenziale. Diese Potenziale sind teilweise bekannt, aber viele weitere sind verdeckt oder versteckt. Denn im Lauf des Lebens haben viele Menschen in unsere Entwicklung eingegriffen.

Vielleicht haben Ihre Eltern es gut gemeint und eine andere Vorstellung von Ihrer Zukunft gehabt als Sie selbst. Oder Lehrer haben Ihnen andere Fährten gelegt. Im eigentlichen Job haben Sie dann möglicherweise Verführungen und Abzweigungen erlebt, je nach Bedarf im Unternehmen. Und auf diese Weise haben wir viele Potenziale schlummernd in uns, sie warten aber auf ihre Entdeckung.

 

Alles ist möglich

Bei dieser Erkundungsreise zu den eigenen Potenzialen braucht man Menschen: Partner, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte oder Berater. Allein ist es schwierig, weil man sich mit dem, was man rasch gefunden hat, zu schnell zufrieden gibt. Man muss tiefer gehen, bis man vielleicht ein Bündel von Talenten und Bedürfnissen entdeckt hat, mit deren Kombination man ein Ziel oder eine Vision konkretisieren kann. Es gibt schon Bildungseinrichtungen für Erwachsene, die Vorträge, Kurse und vielleicht auch Arbeitskreise anbieten, um latente Bedürfnisse und Potenziale zu entdecken. Aber es sollten noch mehr sein.

Alles ist in der Zeit der Freitätigkeit möglich, ehrenamtliche und bezahlte Tätigkeiten. Mit der Berufstätigkeit verbindet dieses Wort nur den zweiten Teil: tätig sein. Wie findet man eine sinnvolle Herausforderung? Eine Idee dabei kann die Frage sein: Wer braucht mich? Vielleicht ist diese Frage die simpelste Hilfestellung bei der Suche nach dem, was man als Sinn des Lebens bezeichnen kann.

 

Schlummernde Potenziale

Wir haben alle von der Gesellschaft mehr oder minder viel erhalten, vom Kindergarten bis zum Studienabschluss. Ganz zu schweigen davon, was die Gesellschaft für uns noch immer leistet, damit wir leben und uns bewegen können. Die Motivation auf die Frage „Was kann ich jetzt tun?“ kann auch sein, dieser Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen und zu können. Das suchen heute viele Menschen, sie wissen aber oft nicht, wie sie das bewältigen sollen.

Und das, obwohl die Regierung die Chancen, die sich da auftun, offenkundig noch gar nicht realisiert hat. Wo ist der neue Wind, den die Regierung versprochen hat? Was könnte sie tun? Es könnte die versprochene neue Sichtweise sein: die vielen Potenziale in diesem Land zu nützen.

Eine repräsentative, österreichweite Umfrage von Seniors4success hat ergeben, dass 52,2 Prozent aller Befragten auf die Frage, ob sie eine staatlich organisierte Tätigkeitenvermittlung für Pensionisten als sinnvoll erachten, mit „Ja, unbedingt“ geantwortet haben; 49,6 Prozent können sich vorstellen, bezahlt oder ehrenamtlich tätig zu sein. Wenn es eine derartige Vermittlungsplattform gäbe.

In Österreich, einem Land, in dem viele Potenziale schlummern, könnte es einen Aufbruch geben, wenn Menschen zeigen, dass man auch nach der Pensionierung nicht die Hängematte aufsuchen muss, sondern etwas gestalten und bewegen kann.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Prof. Dr. Leopold Stieger (*1939 in Salzburg) war der erste „Personalentwickler“ in Österreich, bevor das Wort überhaupt bekannt war. 1972 etablierte er die Firma Gesellschaft für Personalentwicklung. 2004 gründete er er die Plattform Seniors4success, die sich unter anderem dafür einsetzt, ältere Menschen länger im Erwerbsleben zu halten. Buchautor, Berater, Trainer und Vortragender. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2018)