Analyse

Zu viele Milliardäre? Oxfams richtige Zahlen locken auf falsche Fährten

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Symbolbild(c) APA/AFP/EMMANUEL DUNAND (EMMANUEL DUNAND)

Der größte Zuwachs an Milliardären in der Geschichte: Mit neuem „Hänger“ stimmt die Organisation ihre alte Klage über ungleich verteilte Vermögen an. Aber auch ihre Kritiker folgen Ritualen. Ist die Frage falsch gestellt?

Wien. Wer die Mächtigen der Welt im verschneiten Davos aufrütteln will, braucht starke Schlagzeilen. Vor einem Jahr gelang es Oxfam besonders gut: Acht Menschen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Damit alarmierte die Entwicklungshilfeorganisation die Öffentlichkeit in ihrem Bericht, den sie traditionell zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums herausbringt. Heuer klingt der Paukenschlag anders: Alle zwei Tage kam 2017 ein neuer Milliardär dazu, der stärkste Zuwachs in der Geschichte. Das sei kein Zeichen einer florierenden Wirtschaft, sondern eines „versagenden Systems“. Denn 82 Prozent des Vermögenszuwachses steckten sich die reichsten ein Prozent „in die Tasche“, „auf dem Rücken“ der „ausgebeuteten“ Armen.

Was aber wurde aus den berüchtigten acht Superreichen? Die Zahl war falsch, gesteht Oxfam ein. Neue Daten ergeben: Im Jahr 2016 waren es 61 Menschen, die so viel besaßen wie 50 Prozent aller Menschen, im Vorjahr 48. Aber: Die genaue Zahl sei ja „gar nicht entscheidend“. Dass die Autoren die Korrektur so transparent ausweisen, ist auch Folge der fast schon rituellen Kritik an ihren Aussagen.

Unschärfen beim Vermögen

Die betrifft nicht die Qualität der Quellen – Credit Suisse, Forbes und UNO – sondern die Maßgröße selbst: Nach seinem Nettovermögen (unter Abzug der Schulden) ist ein Harvard-Absolvent, der seinen Studentenkredit noch nicht zurückgezahlt hat, ärmer als ein mittelloser Bauer in Afrika. Südeuropäer, die meist eine Wohnung besitzen, sind vermögender als Österreicher oder Deutsche, die großteils mieten. Und im egalitären Schweden ist die Vermögensungleichheit besonders hoch. Denn das Gros der Bürger sorgt wenig vor, wenn schon das Sozialsystem alle Risken absichert.

Aber führen diese Unschärfen die Oxfam-Analyse wirklich ad absurdum? An der Grundaussage besteht kein Zweifel: Die Schere bei den Vermögen geht weiter auseinander, auch (noch) auf der Welt als Ganzes. Das ist freilich nicht verwunderlich. Die Bewohner der Schwellen- und Entwicklungsländer müssen erst einmal ein ausreichendes Einkommen erreichen, bevor sie sich etwas auf die Seite legen können. In dieser Richtung aber wurde enorm viel erreicht.

Weil sich die Schwellenländer an die Industriestaaten annähern, sinkt bei den Einkommen die Ungleichheit in der Welt als Ganzes. Die Zahl der extrem Armen ist seit den 1980er-Jahren von 44 auf unter zehn Prozent der (ständig wachsenden) Weltbevölkerung gesunken. Das sieht auch Oxfam als „gewaltigen Erfolg“, auf den „die Welt stolz sein sollte“.

Worüber streitet man dann? Für Oxfam ist der Rückgang der Armut durch Globalisierung „zutiefst ineffizient“, weil innerhalb der Länder die Ungleichheit zunehme und auch westliche Konzerne profitieren (die „Ausbeutung“). Viel besser sei es, das Vermögen der Reichen hoch zu besteuern und das Geld in Entwicklungshilfe zu stecken. Das aber erscheint aufgrund der Erfahrungen höchst fraglich: Am stärksten ging die Armut in China, Vietnam und Indien zurück – Länder, die auf Öffnung der Märkte und Rechtssicherheit von Eigentum setzten. Die Entwicklungshilfe in Afrika war weit weniger erfolgreich, dort ist die Armut weiter hoch (siehe oben). Und ein Land wie Venezuela, wo tatsächlich Gleichheit Vorrang vor Wachstum hat, stellt sich gegen den Trend und verarmt. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2018)