Liederabend mit Nina Proll: Dieses Vorstadtweib lässt sich nicht regulieren

Nina Proll.Wien Summerstage 27 11 2017 Nina PROLL *** Vorstadtweiber Wien Summerstage 27 11
Nina Proll.Wien Summerstage 27 11 2017 Nina PROLL *** Vorstadtweiber Wien Summerstage 27 11(c) imago/SKATA
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Von „Weana Madeln“ über Cissy Kraners „Der Novak lässt mich nicht verkommen“ bis zur Springsteen-Adaption: Nina Proll entzückte mit ihren teils deftigen „Vorstadtliedern“ im Theater Akzent.

Umrahmt von zwei Lustknaben schwebte sie mit weichen Bewegungen ein, über ihre Mission bestand kein Zweifel: Nina Proll wollte möglichst viel von der durch den Zeitgeist gefährdeten Frivolität in ihr Publikum einpflegen. „Gib mir das, was man Liebe nennt“ forderte sie und wechselte verbotene Blicke mit ihren Federboa schwingenden Boys . . .

Noch vor den französischen Kulturdamen um Kate Millet und Catherine Deneuve hat sich Proll, in vielleicht nicht ganz so eleganten Worten, gegen den Tugendterror gewandt. Dem strengen Flügel der #metoo-Bewegung gilt Flirten ja bereits als Delikt, Galanterie als chauvinistische Aggression. Doch lässt sich das Elmsfeuer der Erotik regulieren, ohne die Freiheit aufs Spiel zu setzen? Proll verlässt sich in dieser Frage ganz auf ihr Bauchgefühl. Unbelastet von moralischen Bedenken kokettiert sie in ihrer Kunst mit der Flamme der Lust. Und so fingerte sie kühn auf einer Luftgitarre herum, träumte laut von einer Liebe, die brennt.

Das Abenteuer suchten auch schon Damen früherer Generationen. Proll erinnerte mit einer ausgelassenen Version von „Der Novak lässt mich nicht verkommen“ an Cissy Kraner, die in diesem Lied standhaft einer festen Beziehung entkommen will: „Da stand ein Inserat in einer Zeitung, es sucht von einem Nachtklub die Leitung ein junges Mädchen brav mit nettem Wesen, das nackert tanzt vor Negern und Chinesen. Den Posten hätt' ich sofort genommen, aber der Novak lässt mich nicht verkommen.“

Lebzelter und Zuhälter

Überhaupt war das Personal in den von Proll gewählten Liedern ein Pandämonium wienerischer Urgestalten: Da wackelten Lebzelter und Zuhälter, „Topfenneger“ und natürlich Vorstadtweiber vors innere Auge. Lauter Figuren, die das Leben spüren wollten. Manche finden ihre Seligkeit auf selbstgenügsame Weise („I hob an Koarl mit mir“), andere, wie die Protagonistin in der herrlich schlurfenden Adaption von Bruce Springsteens „Fire“, mussten die Härten eines Triebaufschubs bemeistern. Die Band – herausragend: Herb Berger – entzückte mit hübschen Interludien von Herbie Hancocks „Cantaloup Island“ bis zum Sinatra-Klassiker „Fly Me To The Moon“. Hübsch jazzy war die innige Interpretation von Gustavs „Rettet die Wale“, mit der verstörenden Zeile „Lasst den Kindern ihre Meinung oder treibt sie früher ab“.

Dass Soulfulness und Vulgarität anstrengungslos zusammen gehen können, zeigte Proll in „Ham kummst“ von Seiler & Speer; ihre Liebe zu Wien feierte sie mit deftigen Gstanzln und baazweichen Balladen. Höhepunkt: Frank Mikas Erotikklassiker „Weana Madln“ (Originaltitel: „Das Lied ist modern“). Damals, in den 1920er-Jahren, wurde die bürgerliche Moral mit einem Text überlistet, der die pikanten Reimworte ausließ bzw. sie an den Beginn der nächsten Strophe in unschuldigen Kontext setzte.

Dieses kokette Spiel funktioniert auch in PC-Zeiten bestens. Mit kennerischer Routine jagte Proll ihre Hörer in die goldene Verwirrung der Erotik. Selbst jene mit strengem Über-Ich mussten sich ihrem Charme letztlich beugen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2018)

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