Don José, braver Soldat mit großer Stimme

Eine Carmen, wie sie im Buche steht – zumindest darstellerisch: Margarita Gritskova, hier mit Piotr Beczala als Don José.
Eine Carmen, wie sie im Buche steht – zumindest darstellerisch: Margarita Gritskova, hier mit Piotr Beczala als Don José.(c) Staatsoper/Michael Pöhn

Kritik Eine „Carmen“ mit sieben Rollendebüts: Piotr Beczala triumphierte als Don José; Margarita Gritskova in der Titelrolle beeindruckte vor allem darstellerisch. Just bei der „Habanera“ hatte sie aber gesangliche Probleme.

Auf manche Rollen muss ein Opernsänger offenbar warten können – zumindest ist dies sowohl für die eigene Stimme als auch für das Publikum eine Wohltat und klug. Piotr Beczala gab am Dienstag sein weltweites Debüt als Don José in „Carmen“, das mit großer Spannung erwartet worden war und von dem er im Vorfeld betont hatte, wie sehr er den richtigen Moment für diese Partie abgewogen habe.

Er ist sichtlich gekommen, bereits beim „Parle-moi de ma mère“ beeindrucken Beczala und die als Micaëla ebenfalls debütierende Olga Bezsmertna mit langen, ausgezeichnet ausgeführten Legato-Bögen und edlen Timbres, die ihnen die ersten Bravi-Rufe einbringen. Viel Volumen, jedoch mit Bedacht eingesetzt, zeigt Beczala bei der Blumenarie, für die er nicht nur vom Publikum für elegante Phrasierungen und lange ausgehaltene Töne frenetisch bejubelt wird. Sogar Dirigent Jean-Christophe Spinosi, der selbst mit Animo am Pult agiert, legt den Taktstock beiseite und klatscht. Während Beczalas Don José stimmlich mit viel Verve beeindruckt, legt er ihn darstellerisch als besonders braven Soldaten an, ja nimmt man ihm die Zuneigung zu Micaëla und die Ehrenhaftigkeit eher ab als den eifersüchtigen Liebenden. Bis zum fatalen Schluss glaubt der Don José des polnischen Tenors ganz offensichtlich daran, dass Carmen doch zu ihm zurückkehren könnte, ja, er zögert sogar den tödlichen Messerstich noch hinaus, hält seine Hand beim „Damnée“ ein letztes Mal zurück, bis ihn die dem Torero zujubelnde Menge doch zur Kurzschlusshandlung herausfordert.

Umgekehrt der Eindruck bei Margarita Gritskova. Bald lasziv und frivol, bald mit der nötigen vorgeschützten Gleichgültigkeit spielt sie eine Carmen, wie sie im Buche steht, hat allerdings ausgerechnet mit der „Habanera“ ihre Probleme. Lange Phrasen machen ihr hier Schwierigkeiten. Schon in der „Seguidilla“ zeigt sie mehr Leichtigkeit, wobei stört, dass sie die letzte Silbe des titelgebenden Wortes teils verschluckt. Ihre Dynamik und Arroganz machen dies jedoch teilweise wett, und in der Folge kann sie auch stimmlich mehr bestechen, etwa im Karten-Ensemble, in dem sie ihre Seele offenbart.

 

Beeindruckend: Olga Bezsmertna

Bezaubernd und zart – stimmlich wie darstellerisch – die Micaëla von Olga Bezsmertna, die mit samtenem Timbre und vokalem Liebreiz beeindruckt. Dass nach ihrem „Je dis que rien ne m'épouvante“ ein ungerechtfertigter Buhruf von der Galerie zu hören ist, quittiert das restliche Publikum mit umso längerem Applaus – auch wenn sie ihre Höchstform bereits im ersten Akt präsentiert hat. Ein besonderer Beifall sollte auch Silvia Careddu an der Querflöte gebühren, die durch ihre schmeichelnden Soli dafür sorgt, dass das Schicksal von Bizets Protagonisten richtig tief unter die Haut geht.

Gleich sieben Rollendebüts waren es an diesem Abend in der schon so lange publikumswirksamen, optisch eindrucksvollen Zeffirelli-Inszenierung von 1978: Auch Margaret Plummer als klangschöne Mercédès, Carlos Osuna als Remendado, Igor Onishchenko als Dancairo und Ayk Martirossian als Zuniga zeigten, dass im Staatsopern-Ensemble spannende Stimmen nachrücken. Carlos Alvarez ist als Escamillo stimmlich wie darstellerisch souverän zurück.

Die beiden Folgevorstellungen sind ausverkauft, jene am 29. Jänner wird jedoch per Gratis-Livestream (staatsoperlive.com) angeboten. Dann kann man sich auch zuhause davon überzeugen, wie beeindruckend und klug es sein kann, wenn ein Weltklassetenor den richtigen Zeitpunkt für eine Rolle wählt.