Bruckners ungeheuerliche Dringlichkeit

Philippe Jordan
Philippe Jordan(c) imago/SKATA (imago stock&people)
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Im Rahmen ihres Bruckner-Schwerpunkts stellten die Symphoniker unter Philippe Jordan die Achte Symphonie György Ligetis akustischem Gemälde „Lontano“ gegenüber. Ein beeindruckender Abend.

Zu den kühnsten Experimenten des Neuerers und Inspirators Arnold Schönberg gehört das „Farben“-Stück aus seinen Orchesterstücken op. 16. Der Allvater der Moderne hat den von ihm hier skizzierten Weg selbst nicht weiter beschritten – doch für seine Enkel wurden die „Farben“ zum Banner einer neuen Ästhetik: Ohne diesen Urknall wären Leuchttürme der Ära der „Klangkompositionen“, etwa Friedrich Cerhas „Spiegel“ oder manches Orchesterwerk György Ligetis, undenkbar.

Philippe Jordan hat für seine Aufführungen der letzten drei Symphonien Bruckners innerhalb kurzer Frist beschlossen, diese monumentalen Werke mit unterschiedlichen Ausprägungen der musikalischen Moderne und Postmoderne zu konfrontieren. Vor die Achte kam Ligetis „Lontano“ zu stehen – und die ästhetischen Querverbindungen ließen sich tatsächlich über Schönberg hinaus in die Gründerzeit zurückverfolgen, denn Bruckner kennt, was man gern überhört, Momente, in denen die Bewegung stillzustehen scheint, in denen sich Rhythmus und Harmonie in Farbe, in schwebende, zeitlose Bilder aufzulösen scheinen.

Schon das Geflüster, mit dem die Achte beginnt, unterscheidet sich in den ersten Sekunden nicht wesentlich von jenem Klangbild, in dem sich Ligetis abstrakte Formspiele nach heftigen Aufwallungen wieder verlieren. Nicht alle Besucher im Musikverein haben wohl sofort realisiert, wo „Lontano“ zu Ende war, wo Bruckners Symphonie begann. Die Saaldiener öffneten sogar nach dem ersten Satz der Achten die Türen, um Zuspätkommende einzulassen.

Vier Akte eines Dramas in c-Moll

Da war der erste Akt des c-Moll-Dramas schon vorbei – und Jordans Interpretation war gar nicht von der Art, die jene geschilderten Ruhepunkte besonders betonen wollte; anders als viele Kollegen, die Bruckners Musik weihevoll zelebrieren, setzt er – was vermutlich angesichts der Wagner-Verehrung des Oberösterreichers die richtigere Sichtweise ist – auf zügige Dramaturgie. Nicht nur in den heftigen Entladungen des Kopfsatzes herrschen scharf geschliffene Phrasierung, scharfkantige Rhythmik und ein Gefühl dafür, dass die klingende Architektur hier ganz aus erzählerischer Dringlichkeit geboren ist, dass sie also nicht nur gut und schön, sondern auch wahr sein muss.

Das war es wohl, was schon Ligetis Klanggewebe eine ungewöhnliche Dringlichkeit verliehen hat – und dann in Bruckners einen steten Fluss sicherte, ohne dass Atemlosigkeit sich einstellte; es sei denn beim Hörer, denn ein so kompromisslos angesteuerter ersten Beckenschlag ward selten erlebt. Erst vor dem zweiten gönnte der Maestro den Musikern ein kleines, beinah erlösendes Ritardando. Der Rest war von umwerfender Direktheit – man spielte, was in den Noten steht; das ist bei Bruckner, weiß Gott, ungeheuerlich genug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2018)

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