Wie die Alten die Jungen abhängen

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Seit der Krise geht in Europa eine Schere zwischen den Generationen auf, zeigt der IWF. Während die Pensionen EU-weit steigen, verlieren die Jungen Chancen. Auch in Österreich?

Wien. Christine Lagarde hat nicht nur Zahlen im Kopf, sondern auch Gedichte. „Was geschieht mit einem vertagten Traum?“, zitierte die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Davos aus den Versen des Dichters Langston Hughes. Der Anlass für ihre poetische Anwandlung: Der IWF macht sich Sorgen um Europas Jugend – und untermauert dies dann doch lieber mit Zahlen als mit Lyrik.

Die gute Nachricht: Die Einkommen der Europäer sind heute nicht ungleicher verteilt als vor zehn Jahren. Aber innerhalb der Generationen hat sich eine bisher wenig beachtete Schere aufgetan: Während die Realeinkommen der über 65-Jährigen seit der Krise im EU-Schnitt kräftig zugelegt haben, stagnieren sie für die übrigen Altersklassen. Besonders zu leiden haben darunter die Jungen, von denen viele lang arbeitslos waren oder immer noch sind. Ihr Armutsrisiko ist stark gestiegen, während das der Senioren ebenso stark gesunken ist. „Armut“ ist dabei nicht wörtlich zu nehmen: Sie wird relativ zum mittleren Einkommen gemessen, das in Industriestaaten hoch ist, meint also eher die Gefahr, abgehängt zu werden. Diese verstärkt sich: Wer in jungen Jahren lang arbeitslos ist oder einen nicht abgesicherten Job hat, dem fehlen später Beitragsjahre. Dieser Rückstand lässt sich nicht aufholen, auch wenn in der Hochkonjunktur viele wieder Jobs finden.

Stärker in Krisenstaaten

Der Effekt ist natürlich weitaus am stärksten in den Euro-Krisenstaaten mit ihrer sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit. Aber ein wenig hat sich die relative Position der Jungen auch in Österreich verschlechtert, obwohl die Pensionszuwächse meist unter der Inflationsrate blieben (eine Rolle dürften dabei niedrigere Einstiegsgehälter spielen). EU-weit sorgten Pensionen für 60 Prozent des Anstiegs der Staatsausgaben (mit den Gesundheitskosten wäre es noch mehr). Aber liegt das nicht an unserer alternden Gesellschaft? Noch sind die Babyboomer beschäftigt. Die Zahl der Pensionisten ist in der EU von 2006 bis 2012 nur um drei Prozent gestiegen, die realen Ausgaben für diese aber um zwölf Prozent. Der Grund ist für Lagarde ein politischer: Die Älteren gehen eher wählen als die Jungen und sind damit für Politiker die wichtigere Zielgruppe. Die Jungen fordern auch weniger Hilfe ein, was sich indirekt zeigt: Jene Länder, wo die Bürger für mehr Umverteilung plädieren, sind keineswegs jene, wo die Jugendarmut hoch ist.

Als in der Krise die Budgets knapp wurden, sparten viele Regierungen bei Arbeitslosengeld, Bildung oder (in Frankreich und Großbritannien) bei Familienbeihilfen – nicht aber bei den Renten. Oft sind diese durch Indexierung vor Kaufkraftverlust geschützt. Wo es zu Kürzungen kam, waren sie meist „nicht groß“ und „nur vorübergehend“. Und die eingeleiteten Pensionsreformen? Sie greifen meist „erst ab 2025“. Damit trage die Last die nächste Generation.
Verschärfend wirken verkrustete Arbeitsmärkte wie in Frankreich und Spanien, wo die Hürden für eine Kündigung sehr hoch sind. Unternehmen nehmen dann in unsicheren Zeiten keine Neuen auf. Was die Gewerkschaften nicht stört, weil es nicht um ihre Mitglieder geht. Tatsächlich gilt laut IWF: Je höher die Gewerkschaftsdichte, desto höher die Arbeitslosigkeit, vor allem unter Jüngeren. Positiv seien hingegen starke Bande zwischen Lohnverhandlern. Sie aber „hängen nicht von der Gewerkschaftsdichte ab“ – was Freunden wie Gegnern der heimischen Sozialpartnerschaft Munition liefert.

Welche Lehren lassen sich für Österreich ziehen? Auch die türkis-blaue Regierung schont die Pensionisten und liegt damit im Trend. Weniger klar ist, ob die Reform der Arbeitslosenhilfe die Jungen benachteiligt. Hier hilft der Blick nach Deutschland, das die IWF-Autoren als Vorbild loben. Die Hartz-IV-Reformen hätten den Jungen mittelfristig sogar klar geholfen, zusammen mit mehr Karenzgeld und bezahlter Kinderbetreuung. Die Beschäftigung boomt, die Jugendarbeitslosigkeit ist mit die niedrigste in Europa. Und auch die „Minijobs“ und andere Formen atypischer Beschäftigung gingen nach kurzem kräftigen Anstieg wieder deutlich zurück.

Mehr Mittel oder neu verteilen

Wie kann der Staat die Schere zwischen den Generationen verkleinern? Eine mögliche Antwort: „Zusätzliche Mittel“, um nach den Alten auch die Jungen besser zu schützen. In diesem Sinn fordert Lagarde höhere Vermögensteuern. Ihre Studienautoren folgen ihr nur bedingt: „Für Länder mit einer schon hohen Steuerlast dürfte das keine Option sein.“ Sie greifen das heiße Eisen mit vagen Worten an und empfehlen einen „aufkommensneutralen Neuabgleich der Umverteilung“. Sprich: Den Alten nehmen, den Jungen geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2018)

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