Denkanstoß für künftige Maturanten

Pixabay

Lehre nach der Matura. Man hat so seine Vorstellungen: Nach der Reifeprüfung geht es an Uni oder FH. Sicher nicht als Lehrling in eine Werkstatt. Ein paar Jahre später denkt mancher anders.

Ernsthaft? Der stolze Maturant-in-spe zieht eine Augenbraue hoch. Nach der Matura solle er eine Lehre erwägen? Er habe andere Vorstellungen. Studieren natürlich, an der Uni oder an einer FH. Was sonst?

85 Prozent der heimischen Reifeprüflinge denken so. Vor allem jene mit AHS-Abschluss: Im Unterschied zu HAK- und HTL-Absolventen haben sie keinen erlernten Beruf vorzuweisen und streben automatisch nach dem nächsthöheren Ausbildungslevel.

Auch an der Uni lernen sie keinen Beruf, sondern werden theoretisch-wissenschaftlich ausgebildet. Im Unterschied zu den FH: Diese sind praxisorientierter und bereiten auf definierte Berufsbereiche vor. In beiden Fällen gibt es für die Dauer der Ausbildung (mindestens drei Jahre für den Bachelor bzw. mindestens fünf Jahre für den Master) kein garantiertes Einkommen. Man hält sich mit Praktika über Wasser und steigt erst nach Studienabschluss ins Berufsleben (und damit ins Verdienen) ein.

Ausbildung umgedreht

Es gibt aber auch Maturanten, die genug von der Theorie haben. Die endlich ihre handwerklich-praktischen Talente ausleben wollen. Es werden mehr, bestätigt Wilfried Keck vom Berufsinformationszentrum der Wiener Wirtschaft (BiWi): „Vor ein paar Jahren waren nur Schreibtischjobs cool. Doch dafür haben wir zu viele Leute und für Handwerk und Gewerbe zu wenige. Wir brauchen Praktiker.“ Zum Vergleich: Bei Lehrabsolventen beträgt die Arbeitslosigkeit 5,3 Prozent, bei AHS-Absolventen 7,8 Prozent.

200 Lehrberufe gibt es derzeit. Sie gehen weit über die Alltime-Klassiker Friseur, Verkäufer und Kfz-Mechaniker hinaus. Auf der Liste (www.bmdw.gv.at) finden sich so zukunftssichere Berufe wie Informationstechnologe, Mediendesigner und Mechatroniker.

Neben der Jobsicherheit haben Maturanten noch einen Vorteil: Ihnen wird aufgrund ihres Vorwissens ein Jahr der meist dreijährigen Lehre erlassen, wenn der Lehrherr einverstanden ist. Geld gibt es ab dem ersten Monat: Die Entschädigung richtet sich nach dem pro Beruf festgelegten kollektivvertraglichen Satz von 700 Euro (Rechtskanzleiassistent Wien, erstes Lehrjahr, 14-mal) bis 1876 Euro (Tiefbauer, erstes Lehrjahr, 14-mal, alle Tarife unter www.ewaros.at/lehrlingsentschaedigung). Wer sich schon auf eine Erasmus-Reise freute: Auch sie gibt es für Lehrlinge.

Auch die Jobsuche nach Abschluss ist leichter. Entweder man bleibt zu entsprechend höherem Gehalt im Ausbildungsbetrieb (was dessen Ziel ist). Oder man geht mit nunmehr aufgebesserten Chancen auf Jobsuche. Oder man gründet: Ein gutes Drittel aller österreichischen Gründer hat einen Lehrabschluss (34,6 Prozent), verglichen mit 22,8 Prozent Uni- oder FH-Absolventen.

Eine von vielen Alternativen

Sein Herz für die duale Ausbildung entdeckt auch so mancher, den es ursprünglich in die akademische Richtung zog. Nach verlorenen Jahren, wie Keck bedauert. Die einen bekamen keinen Studienplatz, die anderen brachen ab. Wieder andere studierten fertig, fanden aber keinen Job. Oder sie stellten fest, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben, und sattelten um. Zu spät sei es nie, meint Keck. Ihm sei wichtig, die Möglichkeit der Lehre nach der Matura bekannt zu machen. Ob man sie nutzt, bleibt jedem selbst überlassen.


[O54NU]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2018)