Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der letzte Kreuzritter

Einfach und schön: Pamphlet eines glücklichen Konservativen

Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich mich nicht täglich neu zu erfinden brauche.

Ich kann nicht verstehen, warum „konservativ“ in Österreich ein Schimpfwort ist. In Osteuropa kann ein Konservativer als sexy gelten, dort erschien mir die beste Ehefrau auf Erden, der österreichische Diskurs gebraucht zum Loben jedoch Attribute wie „modern“, „liberal“, „progressiv“, „aufgeschlossen“. Ich kann das einfach nicht verstehen. Mein Maß ist ein mediterraner Olivenhain, der erst nach 100 Jahren so richtig trägt und der länger abstirbt als ein Menschenleben dauert. Oder der in geschwungenen Wellen zum Steppensee abfallende Weinberg, durch den ich zu Hause zur Kirche gehe. Was gibt es Schöneres?

Die Reden von der Digitalisierung sind mir dagegen ein Gräuel. In sozialen Netzwerken hatte ich nie ein Profil, ein Smartphone werde ich nie haben. Warum nur wischen erwachsene Männer auf Displays voll kindischer Piktogramme herum? Die Plage des Internets hat zwar auch mich erfasst, doch bleibt es am Arbeitsplatz eingesperrt, das ganze Wochenende bin ich offline.

Von mir aus kann der technische Fortschritt auch stehen bleiben. Ohnehin bezahlen wir jede nützliche Erfindung mit Menschenversuchen von Frankenstein'scher Dimension. Die heutigen Autos aller Marken sind nach 15 Jahren zum Wegschmeißen, während mein güldener Mercedes 190 im Alter von 26 Jahren erst zu seinem Altweibersommer abhebt.

Das Neue und Revolutionäre, das zappelnde Journalisten saisonweise ausrufen, geht an mir vorbei. Dem kastriert japsenden Englischgedudel der Jugendradios entfliehe ich. Das Dilemma, ob man sich Arschgeweihe auch auf Arme und Beine tätowieren muss, plagt mich nicht. Ich habe nur wenige Schuhe, die dank Schuhstreckern aus Rosenholz bis zu zehn Jahre halten. Moden bekomme ich überhaupt nur mit, wenn sie mir allzu penetrant den Blick versperren.

Die Sonntagsruhe ist mir heilig. Am Sonntag achte ich darauf, dass niemand einen überflüssigen Handgriff tut. In der Früh freue ich mich schon auf die Kommunion, zu Mittag tafeln wir bei einem richtigen Wirten, dann wandern oder baden wir zusammen. Am Abend verfolge ich schadenfroh, wie die russische Fernsehpropaganda manchen Selbstbetrug des Westens verhöhnt.

Ich muss nicht frustriert ins Yoga rennen, habe nie Psychologen, Consultants und Coaches konsultiert, pflege keine Liebesbeziehung mit Haustieren und heirate mich nicht selbst. Ich muss mich vor öffentlichen Toiletten nicht fragen, welches der 60 aktuell im Angebot befindlichen Geschlechter mir gerade liegt. Ich bin ein Mann, meine Frau ist eine Frau, und das ist gut so.

Wenn ich Kirchen, Friedhöfe, Bildstöcke oder Wegkreuze Verunglückter passiere, mache ich's wie katholische Zigeuner oder orthodoxe Mütterchen – ich bekreuzige mich. Neulich stieß ich bei Dunkelheit auf einen unbekannten Bildstock, in dem drei schwache Lichter kaum erkennbar die Muttergottes erhellten. Ich konnte nicht anders, ich beugte gerührt das Knie. Die diese Kulturgüter errichtet haben, sind für mich keine Armutschkerln, die es in ihrer Zurückgebliebenheit nicht besser wussten. Ich gedenke ihrer mit dankbarem Respekt. Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich mich nicht täglich neu zu erfinden brauche. Das Leben eines Konservativen ist einfach und schön. An der Unruhe der modernen Menschen würde ich krepieren.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2018)