Der Tastentiger als dezent leuchtender Quartett-Kompagnon

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Symbolbild(c) Clemens Fabry

Kritik Vor seinem Solo-Recital am 15. März präsentierte sich Jewgenij Kissin im Musikverein als Kammermusiker.

Alle Jahre wieder (oft im Jänner) leuchtete der Fixstern Jewgenij Kissin im Musikverein auf. Gute Musik wird allerdings nicht nur im Rhythmus lebendig, sondern auch durch wohldosierte Pausen. Vergangene Saison nahm Kissin eine solche für sich in Anspruch. Das Warten wurde belohnt: Am Freitag kam man in den raren Genuss des Kammermusikers Kissins. Nach bald 40 Karrierejahren will der Pianist nur noch die Musik in den Mittelpunkt rücken. Schon die Konstellation mit dem Emerson Quartet auf dem Podium machte das klar: Im Zentrum Cellist Paul Watkins, flankiert von den Kollegen. Dahinter, für Parkettgäste nur dann und wann sichtbar, schien sich Kissin geradezu zu verstecken. Mit Mozarts Klavierquartett in g-Moll (KV 478) spielte man sich warm. Abgesehen von der notorisch zu tiefen Intonation der Violine, wollten sich die Phrasen nicht recht verbinden. Erst in den Kantilenen des Andantes eröffnete sich die leidenschaftliche Grundstimmung der Komposition.

 

Rasante Linien, geschwinde Strudel

Eine Eigenheit des Emerson Quartets, bei diesem Ensemble seit vier Jahrzehnten mit Erfolg geübt, führte bei Gabriel Fauré zum Wechsel am ersten Pult: Eugene Drucker und Philip Setzer alternieren traditionsgemäß. Für Faurés erstes Klavierquartett in c-Moll übernahm Drucker den Violinpart und setzte manch virtuose Akzente. Kissin hielt mit, auch wenn er sich insgesamt sehr dezent ins dichte Klanggeflecht fügte: Im Scherzo spielte er sich synkopisch durch die Streicher-Pizzicati in den Vordergrund. Die „Emersons“ reagierten dynamisch, dämpften ihre Lautstärke und erhöhten damit erfolgreich die Spannung, an der es bei Mozart noch gemangelt hatte.

Dank geschmeidiger „Staffelübergabe“ in der rasanten Linienführung mündete der Geschwindigkeitsstrudel in Richtung C-Dur im Allegro molto perfekt in den von Kissin kräftig aufgewirbelten Schlussakkord. Glanzmomente des zweiten Klavierquintetts von Dvořák bereiteten nach der Pause nicht nur Watkins am Cello, sondern auch Lawrence Dutton an der Viola. Zwischen deren satten Soli und weichen Phrasen balancierte Kissin mit dick auftragenden Phrasen ebenso wie mit federleicht perlenden Läufen.

Von der Agilität und Sprungkraft dieser Interpretation befeuert, war der Jubel des Publikums groß. Zur doppelten Zugabe ließ man sich nicht lang bitten: Kissin stürmte geradezu ins Scherzo aus Schostakowitschs Quintett, bevor man sich mit dem Andante aus dem Brahms-Quintett verabschiedete.