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Gastkommentar

Streitthema Bitcoin: Bildung ist das Gebot der Stunde

Fundiertes Basiswissen ist unabdingbar für eine halbwegs realistische Einschätzung von digitalen Technologien.

Konstruktive Kritik ist wichtig. Wenn aber Topbanker in wichtigen öffentlichen Funktionen Allgemeinplätze zum Besten geben, wie „Bitcoin hilft Kriminellen“, und staatliche Eingriffe fordern, die bereits in Kraft sind, oder wenn Medien unseriöse Umfrageergebnisse wie „31 Prozent der Österreicher wollen Bitcoin verbieten“ verbreiten, ist das nicht hilfreich.

Es gibt steuerliche Vorgaben für den Umgang mit Bitcoin. Vertrauenswürdige Börsen verlangen bereits Identitätsnachweise beim Kauf von Kryptowährungen zur Verhinderung von Geldwäsche. Diese Regulierungsmaßnahmen werden noch vieler Anpassungen bedürfen. Das wird nicht einfach, denn niemand weiß derzeit, ob und wie sich digitale Währungen durchsetzen werden. Ist es Geld, ein Tauschobjekt, eine Vermögensanlage oder doch „Maschinengeld“?

Fundiertes Basiswissen ist unabdingbar für eine halbwegs realistische Einschätzung der künftigen Auswirkungen digitaler Technologien. Künstliche Intelligenz, Maschinenlernen oder die Bitcoin-Blockchain können uns widerstreben, ängstigen und am Handeln hindern. Im schlimmsten Fall treffen wir auf Basis ungenügenden Wissens Entscheidungen, die unseren persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Wohlstand schädigen können.

 

Fortschritt durch Wissen

Bildung ist das Gebot der Stunde. Wissen war immer schon die Grundlage menschlichen Fortschritts. Man kann einem Menschen alles nehmen, alles, wofür er gespart und gearbeitet hat. Die einzige bleibende Investition ist das Wissen. Das kann niemandem genommen werden. Wer in Zukunft in der Arbeitswelt erfolgreich sein möchte, braucht Fertigkeiten und Know-how, besonders in den Bereichen Fachwissen, Prozessverständnis, Selbstkompetenzen, wirtschaftliches Wissen und digitale Kompetenz. Am besten so viel wie möglich von allem.

Warum ist das beim Thema Bitcoin so entscheidend? Weil Bitcoin nicht nur Geld sein kann, sondern viel mehr. Es ist ein Netzwerkprotokoll, das den grenzenlosen, weltweiten Austausch von Werten über das Internet ermöglicht; es könnte 2,5 Milliarden Menschen weltweit, die über kein Bankkonto verfügen, Zugang zu Kapital geben; es kann uns durch Verschlüsselung und die Blockchain die Hoheit über unsere Daten im Netz zurückgeben.

Es ist eine so weitreichende Neuerung, dass unser Geist sie kaum fassen kann. Bitcoin ist die erste erfolgreiche Anwendung des dezentralen Internets.

 

Geld erregt die Gemüter

Bitcoin ist vielschichtig. Es erregt unsere Gemüter auch deshalb, weil das Thema Geld an sich sehr emotional behaftet ist. Wer viel Geld hat, zählt viel in unserer Welt. Neid, Missgunst, das Streben nach Macht und die Gier nach schnellem Reichtum haben viel Übel in diese Welt gebracht. Gleichzeitig kann mit Geld viel Positives bewirkt werden.

Trotzdem lernen wir in der Schule wenig bis nichts über nachhaltiges Wirtschaften und den Aufbau privater und staatlicher Finanzen. Beim Versuch, Bitcoin zu ergründen, begegnet man unweigerlich weiterführenden Themen wie Geldschöpfung, Inflation, Steuern, Staatsmacht und der Frage, wo Geld eigentlich herkommt.

Diskutiert man diese Materien mit anderen Menschen, stoßen schnell weltanschauliche, politische und religiöse Gegensätze aufeinander. Darum ist es so wichtig, die Intentionen und die grundlegende Funktionsweise von Bitcoin zu kennen.

Nur so kann man sich ein Urteil bilden und eine fundierte Position entwickeln. Sonst verbauen wir uns die Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten.

In unserer kleinteiligen, vielschichtigen und globalen Wirtschaft ist es nicht mehr möglich, irgendetwas vollständig zu beherrschen. Jeder Wirtschaftsprozess ist von anderen abhängig und beeinflusst diese. Durch unsere wirtschaftlichen Abläufe und die Kommunikation über das Internet ist die Welt gleichzeitig kleiner, größer und unüberschaubarer geworden. Fällt in China eine Produktionsmaschine aus, muss die Fertigung in Europa flexibel und schnell darauf reagieren. Unsere Welt ist vernetzter und dadurch volatiler geworden.

Der Zugang zu Informationen ist so günstig wie noch nie. Das Rauschen in den (sozialen) Medien wird lauter. Durch die gleichzeitige Automatisierung entwickelt sich alles immer schneller. Letztlich sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Wir handeln wie Feuerwehrleute im Löscheinsatz.

 

Schädliches Denken

Ständig laufen wir Ereignissen hinterher und versuchen, unsere Prozesse anzupassen. Wir denken und handeln kurzfristig. Nach dem Motto „Ich will alles – und das jetzt“, und möglichst billig soll es auch sein.

Dieses Denken ist schädlich. Es hindert uns, Reserven aufzubauen, langfristig zu denken, zu planen und ausdauernd bei einer Sache zu bleiben. Etwas Neues zu lernen, Offenheit, Respekt, Mut, Selbstwert und Resilienz sind Tugenden, die uns voranbringen.

Dies trifft auch für Organisationen und Staaten zu, denn diese bestehen aus Menschen und deren Entscheidungen. Lebenslanges Lernen und eine möglichst neutrale, offene Position neuen Entwicklungen gegenüber ist die beste Voraussetzung, das anvertraute Boot auf den besten Kurs zu bringen.

DIE AUTORIN

Dipl.-Ing. Anita Posch (*1970) hat 20 Jahre Arbeitserfahrung als selbstständige Geschäftsführerin, Beraterin und Gründerin von Internetplattformen und E-Commerce-Anwendungen. Sie gibt ihre Bitcoin-und-Blockchain-Expertise in Vorträgen, Seminaren und dem Ratgeber „Bitcoin & Co. Kryptowährungen sicher kaufen, verwalten und verwahren“ weiter.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2018)