Die übermäßige Verwendung von Fremdkapital soll eingeschränkt werden, sagt Wirtschafts-Nobelpreisträger Eric Maskin. Vollschutz gegen das Systemrisiko gebe es keinen.
Neue Regeln für das Weltfinanzsystem können dieses zwar stabiler machen, bieten aber keinen Vollschutz gegen das sogenannte Systemrisiko, machten drei Wirtschaftsnobelpreisträger am Donnerstag bei einer Investorenkonferenz bei London geltend. Die viel diskutierten neuen Rahmenbedingungen für die Finanzinstitute sollten dabei ansetzen, die übermäßige Verwendung von Fremdkapital einzuschränken, forderte Princeton-Professor Eric Maskin.
"Keine Reform kann Systemrisiko eliminieren"
Maskin (Nobelpreis 2007), Michael Spence (Nobelpreis 2001) und Robert Merton (Nobelpreis 1997) traten am Donnerstag bei einer Tagung der zu UniCredit gehörenden Investmentfirma Pioneer Investments vor 120 Anlegern nahe London auf.
"Keine Reform der Regulierung wird das sogenannte Systemrisiko ganz eliminieren. Ihre Investmentstrategie sollte dies berücksichtigen", sagte Spence. Er sieht die von US-Präsident Barack Obama propagierten Reformen als "ungefähr richtig, aber nicht ausreichend" an, denn es liege in der menschlichen Natur, "überall bis an die Grenze zu gehen".
"Situation in den USA pessimistisch"
Spence, der die chinesische Regierung berät, hält die Bildung einer neuen Blase in Ländern wie China, Indien und Brasilien für möglich, riet den versammelten professionellen Investoren aber trotzdem, an diesen Wachstumsmärkten nicht vorbeizugehen. Fragen aus dem Publikum zeigten Besorgnis über eine solche "Bubble", aber auch den Wunsch, von dem erwarteten Wachstum profitieren zu können. Moderator Quentin Peel von der "Financial Times" (FT) bezeichnete die Situation als "außerordentlich herausfordernd", es herrsche "große Unsicherheit".
"Die Situation in den USA sehe ich ziemlich pessimistisch", sagte Spence, der auf die andauernden Probleme im Immobiliensektor, die Arbeitslosigkeit und den seiner Meinung nach notwendigen tiefgreifenden Strukturwandel hinwies. In den nächsten fünf bis sieben Jahren sieht er kein oder nur wenig Wachstum in den Industrieländern. "Der weitgehende Ausfall des US-Konsumenten kostet die Weltwirtschaft zusammen eine Nachfrage von 1 Billion Dollar", sagte er.
Keine generelle Ablehnung von Verbriefungen
Widerspruch erntete er mit dieser Einschätzung von dem in London ebenfalls anwesenden früheren Bill-Clinton-Berater Robert Wescott. Wescott erwartet für die nächsten Monate eine spektakuläre Verbesserung auf dem US-Arbeitsmarkt und ein Anstiegen der realen US-Haushaltseinkommen um 3,5 Prozent (Jahresrate). Deswegen ist eine US-Zinserhöhung schon im ersten Halbjahr 2010 zu erwarten, meinte er.
Die Industrieländer müssen neuen Kreditexzessen vorbeugen, indem sie den Kredithebel ("Leverage") der Banken eindämmen, sagte Maskin. Höhere Eigenkapitalerfordernisse schienen ihm dabei besser als höhere Zinsen. Trotz Warnungen vor den möglichen Folgen von Finanzinnovationen lehnen aber weder Maskin noch Spence die in den vergangenen Jahren in Mode gekommenen, seit der Krise als gefährlich geltenden Verbriefungen ("Securitization") prinzipiell ab.
"Pathologie der Krise noch nicht geschrieben"
Die stärkste Unterstützung für die "Finanzinnovationen" kam von Harvard-Professor Robert Merton, schon in den Neunzigern einer der intellektuellen Köpfe hinter dem spektakulär gescheiterten Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM). Merton räumte zwar ein, dass die Innovationen Krisen verursachen könnten - diese ermöglichten aber auch zusätzliches Wachstum.
Zu wenig durchdachte Staatseingriffe in die Bankregulierung "können zu einer Reihe von ungewollten negativen Konsequenzen führen". Auch wisse man derzeit noch zu wenig über die Ursachen der aktuellen Turbulenzen, um eine radikale Neuregulierung zu verfolgen, sagte Merton: "Die Pathologie der Krise ist noch nicht geschrieben worden."
"Wäre dumm, 'Glass-Steagall-Act' wiederzubeleben"
"Es wäre dumm, den 1999 abgeschafften 'Glass-Steagall-Act' (Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken, Anm.) wiederzubeleben", erklärte Merton. Es könne auch nicht um mehr Regeln für den Finanzsektor gehen, die Regulierungs-Werkzeuge seien grundsätzlich alle vorhanden.
Maskin glaubt zwar auch nicht an den hundertprozentigen Schutz durch eine Bankenreform, aber: "Wäre sie schon vorhanden gewesen, hätte die Krise viel weniger Schaden verursacht."
(APA)