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Sesselsägen: Ein Parteichef wider Willen

(c) APA (Renate Apostel)
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Im Februar 1960 wurde der Steirer Gorbach Raab-Nachfolger.

Noch einmal das Jahr 1960: Am 12.Februar vor fünfzig Jahren kam es in der Volkspartei zur Ablöse des Patriarchen Julius Raab (68) durch den konzilianten Steirer Alfons Gorbach (61). Nicht ganz freiwillig. Paradox: Beide wollten eigentlich gar nicht. Aber Raab, der Freiheitskanzler, war durch ein mageres Wahlergebnis 1959 innerparteilich arg geschwächt.

Die Sozialisten hatten aufgeholt, der Mandatsstand betrug nur noch 79 zu 78 für die ÖVP. Panik machte sich breit. Die Volkspartei konnte in der Zeit von 1949 bis 1959 insgesamt 83.000 Stimmen hinzugewinnen, aber die SPÖ 330.000 Stimmen. Es war allen klar, dass die Sozialisten bei der nächsten Wahl die Nase vorn haben würden. Julius Raab jedoch, der schon gesundheitliche Schwierigkeiten hatte, wollte das schlingernde Schiff weiter steuern. Konservativ, mit einsamen Entscheidungen, die Freund wie Feind oft nicht mehr ganz verstanden.

Die mächtigen Steirer wollten nun ihren Landsmann Gorbach an der Parteispitze sehen. Gegen den legendären Landeshauptmann Josef Krainer senior wagte man nicht aufzumucken. Aber Gorbach sah sich nicht als der richtige Mann, um mit dem selbstbewussten Koalitionspartner „Fraktur“ zu reden. Er war zufrieden mit dem Amt des Dritten Nationalratspräsidenten – und er war ein „Versöhnler“.

 

Versöhnung mit den Ex-Nazis

Die grausame Haft im KZ hatte den Christlichsozialen gelehrt, dass der Wiederaufbau nur Hand in Hand mit dem politischen Gegner zu machen war. Und mit den geläuterten Nationalsozialisten: „Wenn wir es mit den Nazis so machen, wie die mit uns, dann können wir das Wort ,christlich‘ streichen“, sagte er zu seinem Bruder August nach seiner Rückkehr aus dem KZ.

Josef Krainer hatte freilich noch ein zweites Motiv, um Gorbach nach Wien „wegzuloben“: Der Mann war immer noch amtierender steirischer Landesparteichef. Und dieses Amt strebte Krainer nun der Einfachheit halber selbst an.

Auf dem achten außerordentlichen Bundesparteitag wurde Gorbach als neuer Parteichef inthronisiert. Raab blieb vorerst Regierungschef auf dem Ballhausplatz, erst 1961 erfolgte auch die Ernennung Gorbachs zum Bundeskanzler.

An Gorbachs Seite stellte man als eigentlichen starken Mann den „Scharfmacher“ Hermann Withalm als Generalsekretär. Der Wolkersdorfer Notar Withalm war ein blendender Parlamentarier, ein harter Mann und ein ungestümer Reformer. So wie Franz Olah auf SP-Seite suchte auch Withalm längst einen Ausweg aus den Fesseln der Großen Koalition. Aber während Olah eine Brücke zur FPÖ zu schlagen versuchte, verfolgte Withalm eine andere, eine direktere Variante: Die SPÖ sollte mit allen legalen Mitteln geschwächt werden. Vielleicht würde dann bei Wahlen die ÖVP eine absolute Mehrheit schaffen. 1962 ging dieses waghalsige Konzept zwar noch nicht auf. Aber 1966– und zwar triumphal.

 

Putsch im Wirtshaus

Da war Gorbach, der Versöhnliche, freilich schon nicht mehr Parteichef, geschweige denn Bundeskanzler. Da hieß der Wahlsieger bereits Josef Klaus. Und Gorbach? Er wurde gar nicht erst gefragt, als man ihn ablöste. Im heute noch bestehenden Gasthaus „Pollerus“ in Spital am Semmering, einem Lieblingslokal Leopold Figls, hatte Josef Krainer die Landesparteiobmänner heimlich zusammengerufen und den Putsch gegen den Freund inszeniert. Das Sägen am schwarzen Obmannsessel gehört seit damals zum beliebtesten Volkssport der ÖVP-Funktionäre. [APA/Apostel]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2010)