Der neue ÖOC-Präsident Karl Stoss spricht im „Presse“-Interview über die olympische Familie, über Sport und Politik, Vorbilder, Doping und Betrug.
„Die Presse“: Die Winterspiele in Vancouver werden Sie erstmals als ÖOC-Präsident erleben. Was assoziieren Sie mit Olympia, welche Erinnerungen haben Sie?
Karl Stoss: Ich habe schon als Kind viele Olympiabände, die nach Spielen erschienen sind, gelesen. Und ganz andächtig darin geblättert. Olympia hat mich immer schon fasziniert, Vancouver wird nicht ganz meine Premiere, ich war schon viermal dabei, wenn auch nicht als Präsident. 1976 in Innsbruck habe ich als Präsenzdiener erlebt, in Athen 2004, Turin 2006 und Peking 2008 durfte ich auch einige Tage dabei sein. Das große Idol war Toni Sailer, dreimal Gold in Cortina war unglaublich. Unvergesslich ist auch die Fahrt von Franz Klammer 1976 am Patscherkofel, auch Skispringen, Rodeln und die Bobbewerbe habe ich damals verfolgen dürfen.
Sind Ihnen Winterspiele lieber als Sommerspiele?
Stoss: Die Sommerspiele sind noch vielfältiger. Aber Österreich ist nun einmal in erster Linie ein Wintersportland. Und hier sind wir auch erfolgreicher. Schließlich wachsen wir mit dem Skilauf auf. Aber ich habe hier keine Präferenzen, war früher Schwimmer und Wasserballer. Und die Leichtathletikbewerbe haben eine ganz besondere Faszination.
Haben Sie die Arbeit als ÖOC-Präsident unterschätzt?
Stoss: Nein. Ich habe ein funktionierendes Team, das ÖOC ist ein galoppierendes Pferd. Die Vorbereitungen für Vancouver laufen perfekt, sehr wichtig ist mir das Österreich-Haus. Ein Schaufenster soll das werden. Wir haben einen neuen Vorstand gefunden, nach den Winterspielen wird sich die Arbeit auf ein Normalmaß reduzieren. Am Wochenende haben wir die Einkleidung der Sportler, dann die Farewellparty, am Montag folgten eine Antidoping-Schulung und die Angelobung beim Bundespräsidenten. Das Programm ist also sehr dicht.
Ein neuer Generalsekretär wird noch gesucht...
Stoss: Es haben sich über 100 Kandidaten beworben, eine Vorselektion wurde bereits gemacht. Jetzt beginnen die ersten Gespräche, bis Mitte März sollten wir zu einem Ergebnis gekommen sein. Internationale Kontakte sind wichtig, wirtschaftliches Grundverständnis, sportliche Affinität und Gespür für den Markt.
Sportminister Norbert Darabos hat einmal kritisiert, dass das ÖOC zu wenige Sponsorengelder auftreibt. Berechtigt?
Stoss: Vom Himmel ist noch nie etwas gefallen. Aber man kann Kosten einsparen, es gibt Verbesserungspotenzial. Beispielsweise in der Vermarktung.
Was ist Doping für Sie?
Stoss: Ein Betrugsdelikt. Betrug an der eigenen Person und an anderen. Man verschafft sich einen künstlichen Vorteil. Das ist Betrug auch an einem Verband, einem Verein und an Sponsoren. Das verschärfte Antidopinggesetz ist ein richtiger Schritt. Aber die Frage ist, wie bei allen Gesetzen, die Umsetzung. Wie wird es exekutiert?
In Österreich vermischen sich Sport und Politik oft zu einer offenbar untrennbaren Einheit. Wie stehen Sie dazu?
Stoss: Ich habe einige Präambeln aufgestellt. Im Mittelpunkt muss der Sport stehen. Das ÖOC dient den Sportlern und nicht umgekehrt. Unser Anspruch ist es, den Sportlern ein optimales Umfeld für Spitzenleistungen zu bieten. Wichtig bei der Zusammenarbeit sind auch die Dachverbände, weil sie wertvolle Beiträge liefern. Sie haben jetzt eine kontrollierende Funktion – als Rechnungsprüfer. Die Politik soll man nicht pauschal verunglimpfen. Sie schafft Rahmenbedingungen, auch im Sport. Aber sie sollte nicht in Vereinen gemacht werden. In beratenden Funktionen ist das etwas anderes.
Sie sind ein sehr leistungsbezogener Mensch. Lassen sich Erfolge im Sport tatsächlich planen?
Stoss: Wir leben nicht in einer Planwirtschaft. Aber man kann im Sport Schwerpunkte setzen. Vor allem bei den Schülern und Jugendlichen. Eine Idee wären Schülerolympiaden. Die Australier haben sich beispielsweise vor Olympia 2000 in Sydney auf einige ausgewählte Sportarten konzentriert, bei den Sommerspielen dort dann auch viele Medaillen gewonnen. Ein überlegenswertes Modell.
Das ÖOC wird die Olympia-Qualifikationskriterien lockern. Was wollen Sie damit erreichen?
Stoss: Vor einem Jahr hätte sich niemand erträumt, dass Österreichs Handballer so eine großartige Heim-Europameisterschaft spielen. Oder denken wir an das Hockeyteam. Die Sportler brauchen eine ganz bewusste Motivation. Erfahrungen sind unbezahlbar. Österreichs Sportler sind keine kleinen, sondern große und wichtige Botschafter des Landes. Genau so sollten wir das sehen.
Wie soll der künftige ÖOC-Sportler-Beirat aussehen?
Stoss: Ich würde gerne alle Olympiamedaillengewinner dafür gewinnen. Einen Egon Zimmermann, eine Olga Pall, einen Hermann Maier, eine Trixi Schuba und viele andere mehr. Auch dieses Potenzial ehemaliger Spitzensportler ist nie genützt worden, das liegt brach. Wir müssen unser olympische Familie auch pflegen. Es wird weiters einen sportmedizinischen und wissenschaftlichen Beirat und einen für Wirtschaft und Medien geben. Das ÖOC braucht mehr Aktivität, muss sich mehr öffnen. Dann steigt auch die Popularität.
ZUR PERSON
■Karl Stoss (* 26. November in Dornbirn) war in seiner Jugend erfolgreicher Schwimmer und Wasserballer, heute gehört er zu den Extrembergsteigern. Der höchste Berg, den er bisher erklommen hat, ist der 6739 Meter hohe Llullaillaki in den Anden.
Seit Mai 2007 ist Stoss Generaldirektor der Casinos Austria AG, am 22. Oktober 2009 wurde er zum Präsidenten des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC) gewählt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2010)