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Künstler mit massiver Konfliktbereitschaft

Diese Aktionen können immer noch verstören: Günter Brus, „Transfusion“, 1965.
Diese Aktionen können immer noch verstören: Günter Brus, „Transfusion“, 1965.(c) Ludwig Hoffenreich, © Günter Brus
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Belvedere 21. Brachialer Aktionismus und subtile Bild-Sprach-Zeichnungen: Wie gut diese beiden Phasen im Werk von Günter Brus zusammenpassen, das zeigt eine große Retrospektive anlässlich seines 80. Geburtstags. Bis 12. August.

Nackte Auftritte, öffentliches Urinieren, selbstzerstörerische Aktionen voller Blut, sexuelle Posen, wilde Exzesse – dafür sind die Wiener Aktionisten heute weit über Österreich hinaus bekannt. Noch immer, 50 Jahre später, wirken diese Aktionen auf viele provokant. Man ahnt, wie enorm ihre Kraft in den 1960er-Jahren gewesen sein muss. Damals suchten die Künstler gesellschaftliche Strukturen mit radikalen Mitteln aufzubrechen, verlangten freie Sexualität, wollten politische Tabus ausräumen.

Das verstörte nicht nur die Bürger, sondern auch die Polizei. Als Günter Brus in seinem „Wiener Spaziergang“ 1965 durch die Straßen spazierte, hielt ihn ein Polizist an. „Das ist Kunst“ reichte ihm offenbar nicht als Erklärung für den komplett weiß bemalten Mann mit einem schwarzen, narben-ähnlichen Strich über Gesicht und Anzug. Er nahm Brus mit auf die Wache und verordnete eine Geldstrafe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Als Günter Brus dann auch noch 1968 onanierend die Bundeshymne sang, wurde er nach zweimonatiger Untersuchungshaft zu verschärftem Arrest verurteilt – und floh mit Frau und Kind nach Westberlin. Rund sieben Jahre blieb er in der Mauerstadt, wo sich junge Männer dem Wehrdienst entziehen konnten und Politik inbrünstig diskutiert wurde.

 

„Schastrommel“ aus Berlin

Dort musste Brus keine Mauern in den Köpfen mehr einreißen, und dort begann er mit Neuem: mit den Bild-Dichtungen, in denen er Zeichnungen mit prägnanten Texten verband. Manchen scheinen diese Werke als weniger provokante, ruhige zweite künstlerische Phase. Wie eng beides zusammenhängt, und wie viel Provokation auch darin liegt, unterstreicht jetzt die großartige Retrospektive im Belvedere 21, dem früheren 21er-Haus (und noch früherem 20er-Haus).

„Unruhe nach dem Sturm“ heißt sie passend. Anhand von 734 Einzelwerken zeigt Kurator Harald Krejci, dass die beiden so konträr erscheinenden Phasen der brachialen Aktionen und subtilen Bild-Sprach-Zeichnungen ein in sich stringentes Werk bilden. Daher ist die Ausstellung auch nicht chronologisch gehängt, sondern in Werkgruppen. Erst im zweiten Raum hängen die frühen Bilder von 1963 im Stil der Informel-Malerei: stark gestisch, abstrakt, schwarz-weiß. Die Künstler dieser im Paris der 1940er-Jahre entstandenen Richtung betonten das Prinzip der Formlosigkeit, lehnten die Strenge der geometrischen Abstraktion ab, versuchten mit spontanen Pinselstrichen einen Ausdruck für Gefühle zu finden. Man kann die Bilder auch als Antwort auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs lesen, die sich jeder Möglichkeit einer Abbildung entzogen.

Nach seinem Wehrdienst konnte Brus nicht mehr zu dieser Tradition zurückfinden. Er suchte einen neuen Weg, auf seine Zeit zu reagieren, fand ihn in der Überwindung der Malerei durch die Aktion. So wickelte er sich in „Ana“ 1964 in eine grundierte Leinwand ein, um am Ende als Figur im Raum zu stehen, im Bild – eine zentrale Aktion, die in der Ausstellung den Informel-Bildern gegenüberhängt. In „Selbstverstrickung“ (1965) steigt er als schwarze Figur aus einer weißen Leinwand heraus, zerstört das alte Bild, übergießt sich mit weißem Mehl und wird so selbst zur Leinwand. Aber auch diese Phase fand ein Ende. 1969 führte Brus seine „Zerreißprobe“ in München auf, die ultimative Aktion, nach der er nur entweder sterben oder aufhören konnte, wie er einmal sagte. Er entschied sich für das Aufhören.

Das Berliner Exil bot ihm dann einen unerwarteten Weg. Dort traf er Mitglieder der ehemaligen Wiener Gruppe. Mit Otmar Bauer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener gründete er die „Österreichische Exilregierung“, als deren „Organ“ er die „Schastrommel“ herausgab. Das von 1969 bis 1974 im Eigenverlag publizierte Heft versammelte Beiträge von Künstlerkollegen wie Dieter Roth, Texte von Wiener, aber auch die Zeitungsberichte über die Wiener Aktionen, die durch diese Zeitschrift überhaupt erst über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt wurden.

 

„Vom Satzbau verlassen“

Aber eigentlich hatte Brus damals ja schon mit dem Aktionismus abgeschlossen. Stattdessen begann er seine Wort-Dichtungen, Kombinationen von kurzen, lyrischen Sätzen mit Bildmotiven. Darin überwand er die Wortlosigkeit des Informel und die Selbstzerstörung des Aktionismus, fand zu einer bissig-scharfen Wort-Bild-Sprache. Manche dieser Werke zeigen Reflexionen über die Sprache wie die Zeilen „Vom Satzbau verlassen, können Wörter weder lieben noch hassen“ (1999), Religionskritisches wie „Gott hätte lieber sich erschaffen sollen als die Welt“ (2000) oder wunderbar Poetisches wie „Das Auge ist eine Schlucht, in welche die Erinnerung stürzt“ in der Serie „Augen. Aufklärung“ (1998). In der Zeichnungsgruppe „Irrfahrt“ (2002) zitiert Brus seine Körperbemalung des „Wiener Spaziergangs“, zeichnet eine Naht über ein Gesicht und schreibt darunter: „Es lächeln entblößte Nerven im Weltenall. Die Künste stöhnen und machen umsonst Krawall.“

Seine Selbstverletzungen hat Brus aufgegeben, seine Radikalität verlor er nie. Jedes dieser Blätter ist voller Sprengkraft, auf sie trifft zu, was eifrige Wiener Psychiater in ihren Gutachten anlässlich der Verhaftung Brus' 1968 formuliert hatten: „Es finden sich stark ausgeprägte Hinweise auf erhöhte Aggressionsmechanismen und auf eine massive Konfliktbereitschaft mit der Umgebung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2018)