Schnellauswahl

Madeleine Petrovic: Eine Grüne am Gürtel

Madeleine Petrovic
(c) Michaela Bruckberger
  • Drucken

Man kennt sie als Grün-Politikerin und als Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, doch Madeleine Petrovic hat auch ein Buch geschrieben – über ihre persönliche Prachtstraße.

Dass es den Gürtel überhaupt gibt“, sagt Madeleine Petrovic, „beruht auf einer falschen Einschätzung“. Denn die dritte Türkenbelagerung, zu deren Abwehr Anfang des 18. Jahrhunderts der Linienwall gebaut wurde, blieb aus. Schon Ende des 19.Jahrhunderts wurde die Befestigungsanlage im Rahmen der Stadterweiterung wieder geschleift – an ihrer Stelle entstand der Gürtel.

„Heute ist es ähnlich“, meint die Grün-Politikerin und wettert gegen die aktuellen Fremdengesetze – „Ganoven hält man damit nicht zurück, aber Zuwanderer schikaniert man“. Zuwanderer wie die türkischstämmigen Betreiber des „Grande Latte“ am Währinger Gürtel, eines von Petrovics Lieblingscafés. Und ein Musterbeispiel für die Belebung des Gürtels: „Die Räume standen lange Zeit leer, jetzt ist hier eine Kulturszene verankert.“ Dass sie so gut über die Geschichte der Umgebung Bescheid weiß, liegt unter anderem daran, dass sie hier aufgewachsen ist, aber auch an der Recherche für ihr Buch „Der Wiener Gürtel“, das diese Woche präsentiert wurde.


Das Blaustern hieß Grillparzer. Schon 1998 brachte Petrovic die erste Auflage heraus, die aber mit der neuen Auflage nicht mehr viel gemein hat: „Das ist ein komplett neues Buch.“ Ein Buch, in dem die Politikerin und Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins über die Veränderungen des Wiener Gürtels schreibt, über die Wandlung vom Bollwerk zum Verkehrsweg, vom sozialen Brennpunkt zur belebten Kulturmeile.

Beim Rausgehen aus dem Café zum Spaziergang über den Gürtel deutet sie auf die gegenüberliegende Seite – „das ,Blaustern‘, da habe ich meinen Mann zum ersten Mal getroffen“, erzählt sie. 1983 war das – und das Café hieß damals noch „Grillparzer“. Nur eine Erinnerung von vielen, die Petrovic überkommt: „Die Stiege da hinten“, deutet sie nach rechts, „war die Abkürzung zur alten WU. Die bin ich immer gegangen“. Gerade Wege wie diese, meint sie, zeigen, was sich entlang der Straße mit all dem Verkehr so verbirgt – „da hinten, das ist wie eine Oase“. Und noch dazu ein markanter Punkt für die Geschichte des Gürtels – der alte jüdische Friedhof in Währing.

„Es gab eine Reihe von Friedhöfen entlang des Gürtels“, erzählt sie. Friedhöfe, die der Expansion der Stadt weichen mussten und heute nur noch Parks sind. „Und besonders die jüdischen Friedhöfe sind heute völlig dem Verfall preisgegeben“, sagt sie. Und ärgert sich, weil sie immer wieder hört, dass sich die Nachkommen um die Gräberpflege kümmern sollten. „Da muss ich schon fragen: Welche Nachkommen? Das ist unsere Aufgabe!“


Arisierung. Im Impressum ihres Buches macht Petrovic auch auf das Schicksal der Gürtelbewohner während der NS-Zeit aufmerksam. Da ist die Rede von Widerstandskämpfern gegen das Naziregime, die am Währinger Gürtel wohnten oder arbeiteten. Und auch die Adresse des Café „Grande Latte“ findet sich darin: Blanka und Fritz Weiss betrieben hier eine Furnierhandlung, ehe das Geschäft „arisiert“ wurde und das Ehepaar vermutlich im KZ Theresienstadt umkam.
Multikulti beim Shopping. Jüdische Bevölkerung gibt es hier nun so gut wie gar keine mehr. Dafür umso mehr Menschen mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien und in der Türkei, die Petrovic als Bereicherung sieht. Am Brunnenmarkt oder in der Lugner City könne man das gute Zusammenleben gut beobachten: „Der Lugner mag ein komischer Vogel sein“, meint sie, „aber in seinem Einkaufszentrum funktioniert Multikulti“.

Diesbezügliche Ängste kann sie nicht nachvollziehen: „Ich bin hier oft am Abend unterwegs, und überall ist Leben. Da ist kein Gefühl der Unsicherheit.“ Das war nicht immer so, doch mittlerweile sei der Gürtel weit entfernt vom schlechten Image, das er einmal hatte. Was sie noch stört, ist der Verkehr. Doch irgendwann, so hofft sie, werde auch der Gürtel zu einer grünen Zone. Das werde wohl noch dauern, auch wenn sie die Idee schon lange mit sich herumträgt. „Aber“, meint sie, „eine Idee ist erst dann wirklich stark, wenn die Zeit dafür reif ist“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2010)