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Ausgestiegen.com: Abschied von Facebook & Co

Facebook
(c) Die Presse (Breuss)
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Die Massenabwanderung aus Facebook & Co. hat begonnen. Für die virtuellen Auswanderer gibt es mittlerweile sogar schon ein eigenes Web-Portal. Auch die Gegenbewegung zur Gegenbewegung hat bereits begonnen.

Zuerst wollten sie dabei sein, jetzt haben sie genug davon. Sie verabschieden sich aus den globalen Plauderbörsen Facebook, StayFriends oder Wer-kennt-wen, sagen ihren virtuellen „Friends“ eilig „Good-bye“, weil sie ihre Zeit nicht mehr mit dem Lesen von Monologen anderer oder dem Durchklicken von Fotoalben Fremder vergeuden wollen.

Vor knapp einem Jahr war das von Mark Zuckerberg ursprünglich als reines Universitätsnetzwerk gegründete Facebook endgültig bei der Masse angekommen. Was man auch daran sah, dass sich sogar klassische Medien mit dem Phänomen befassten. Dabei hatte zu diesem Zeitpunkt sogar schon wieder die erste Welle der Abwanderung aus dem Netzwerk begonnen.

Das digitale Profil wird stillgelegt, die Fotos und Einträge werden gelöscht, vielleicht noch ein Abschiedsgruß. Ein kurzes „Ciao“, wie das von Gerhard Kilga, der sich auf diese Weise vor zwei Wochen von seinen Freunden digital verabschiedet hat. Der 32-jährige Österreicher Dieter Willinger bietet digitalen Aussteigern seit einiger Zeit die Möglichkeit, eine finale Statusmeldung zu posten: auf seiner Seite www.ausgestiegen.com. Er selbst hat seit fast einem Jahr nur mehr einen Geisteraccount auf Facebook, den ein Smiley mit dem Banner ausgestiegen.com ziert.

Kritikern, die behaupten, Willinger würde mit seiner Plattform erst recht wieder ein soziales Netzwerk bilden, entgegnet der Webdesigner: „Es ist genau das Gegenteil. Ich muss mich nicht registrieren, nicht einloggen und vor allem keine Freundschaftsanfragen beantworten.“ Wer will, könne hier schlicht begründen, warum er ein bestimmtes Netzwerk verlassen hat. Jennifer Trommler zum Beispiel hat sich aus Facebook verabschiedet, „weil ich 187 Freunde habe und noch immer einsam bin“. Das Gros der Aussteiger aber sagt schlicht: „Ich habe genug“ oder „Ich sehe keinen Nutzen darin“.


Suchtfaktor. Es ist genau dieses Keinen-Nutzen-darin-Sehen, das Meral Akin-Hecke beschäftigt. Sie ist Chefin von Digitalks, dem österreichischen Netzwerk für digitale Medien, das Menschen über 26 Jahren Medienkompetenz vermitteln will. Sie glaubt, dass viele User den Sinn von sozialen Netzwerken nicht begriffen – und viel schlimmer: deren Gefahren nicht erkannt haben. „Wenn ich etwas aktiv ins Netz stelle, sollte das nur etwas sein, mit dem ich leben kann“, sagt sie. Dass die einmal geposteten Informationen nicht mehr ohne Weiteres aus dem Internet verschwinden können, wird vielen erst mit der Zeit bewusst.

Zudem kann die Teilnahme an einem sozialen Netzwerk regelrecht süchtig machen. Oder Angst. Wenn die ersten Fotos in zweifelhafter Pose im Netz kursieren oder Netzwerkbetreiber über Nacht die Zugangsmöglichkeiten erweitern und plötzlich auch Fremde die eigenen Statusmeldungen sehen können, dann setzt der digitale Kontrollverlust ein. Viele kommen spätestens dann darauf, dass sie etwas „tun, was sie nicht tun wollen“. So nennt Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „FAZ“, das erste Kapitel in seinem neuen Buch „Payback“, in dem er vor den vielen Gefahren digitaler Kanäle warnt.

Eine dieser Gefahren sieht der Publizist auch im steigenden Aufmerksamkeitsdefizit, das durch die gleichzeitige Nutzung schneller Informationskanäle entsteht. „Ich dirigiere meinen Datenverkehr, meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweets wie ein Fluglotse den Luftverkehr“, schreibt er. Die Bereitschaft zum Lesen komplexer Texte habe rapide abgenommen.

Das Motto der Community-Flüchtlingsseite von Dieter Willinger lautet: „Freunde treffen statt adden (hinzufügen, Anm. der Red.). Marketingprodukte wie bedruckte T-Shirts („Ich bin nicht zu adden“), Kaffeebecher und Kochschürzen („Freunde bekochen statt adden“) ließen nicht lange auf sich warten. Dabei gesteht der Webdesigner, dass die Zugriffe vor allem durch Berichterstattung in klassischen Medien stark angestiegen seien. Radio und Print schlagen digitale Medien manchmal also doch noch.


Aussteiger Bill Gates. Für Willinger sind Netzwerke wie Facebook auch deshalb nicht so attraktiv, weil sie im Grunde „nur bereits bestehende Tools nachbauen“, wie etwa E-Mails. Ähnliche Abwanderungsströme konnte man schon viel früher bei MySpace beobachten. Heute wird der Dienst fast ausschließlich von Künstlern als digitale Visitenkarte genutzt. „Normale“ Nutzer sind zu Facebook weitergezogen. Und selbst von dort wird wieder abgewandert – einer der berühmtesten Facebook-Aussteiger ist Microsoft-Gründer Bill Gates. Seit Kurzem ist er bei Twitter.

Was beweist: Gänzlich multimedial obdachlos werden nur wenige. Wie Gerhard Kilga, Direktor im sozialdemokratischen Landtagsklub Vorarlberg, der vor zwei Wochen aus Facebook ausgestiegen ist. Obwohl er es, wie er sagt, „relativ bewusst genutzt hat“. Er fand viele ehemalige Studienkollegen wieder und tat, was wenige tun: „Ich habe die meisten persönlich getroffen.“ Den „Löschen“-Button zu finden, das sei anfangs beinahe „ein Ding der Unmöglichkeit“ gewesen. Bei Google suchte er nach „Facebook-Account löschen“ und kam weiter. Davor hat er eigenhändig alle Einträge von sich gelöscht.

Die Ohnmacht, die Netze wie Facebook bewirken können, lösen vielfach die Betreiber dieser Seiten selbst aus. Facebook hat vor einiger Zeit begonnen, Nutzerkonten ohne Vorwarnung zu löschen, wenn der Nutzer nicht den eigenen, sondern einen Nickname angibt. Das ist Mitte Jänner auch den Betreibern der Partylocation Pratersauna passiert. Ihr Account wurde komplett getilgt, die mehr als 5000 „Freunde“, die sie wöchentlich mit Einladungen für ihre Events beliefert haben, sind verloren. Kreative Lösung: Die Betreiber nennen ihre Seite nun „Petra Sauna“, was wie ein realer Name klingen soll, das Profilbild ziert eine unbekannte Saunabesucherin.

Trotz allem: Abschiednehmen fällt nicht jedem Aussteiger leicht. So hat bereits die Gegenbewegung zur Gegenbewegung begonnen. User, die ausgestiegen sind, steigen mit einem Pseudonym wieder ein. Und versprechen, ab jetzt wirklich nur mehr ihre „wahren Freunde“ zu adden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2010)