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Elf Tage in Haiti: Grenzerfahrungen eines Reporters

Looters run from the police in downtown Port-au-Prince
(c) REUTERS (STR)
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Nächte unter freiem Himmel, überall nur Zerstörung, Leichen am Straßenrand. Stefan Riecher erreichte die haitische Hauptstadt als einer der ersten Journalisten. Elf Tage in der Erdbebenzone - ein Erfahrungsbericht.

Richard Latendresse hat schon viel erlebt. Der kanadische TV-Reporter berichtete während des Krieges in Exjugoslawien aus Sarajewo. In Afghanistan und im Irak begleitete er die US-Truppen bei ihrer Arbeit. Und nachdem der Tsunami 2004 mehr als 250.000 Menschen getötet hatte, sendete Latendresse seine Reportagen zwei Wochen lang aus Südostasien nach Montreal.

Exakt 42 Stunden nach dem Erdbeben in Haiti saß ich mit ihm in einem kleinen veralteten Taxi. Wir fuhren gemeinsam durch die Hauptstadt Port-au-Prince, um uns ein erstes Bild von der Katastrophe zu machen. Die Reaktion des TV-Reporters: „So etwas habe ich noch nie gesehen. Das ist eine beispiellose Ausnahmesituation.“

Zerstörte Infrastruktur. Vor meiner Reise nach Haiti hatte ich wenig Erfahrung im Umgang mit Katastrophen. Tsunamis, Erdbeben, Kriege und Überschwemmungen beobachtete ich nur aus der Ferne. Trotzdem war mir schnell klar, dass das Ausmaß der Zerstörung in Haiti einzigartig ist.

Nicht nur Latendresse, auch viele andere Journalisten, verglichen die Situation immer wieder mit jener nach dem fatalen Tsunami in Südostasien vor fünf Jahren. Doch ein zentraler Unterschied machte die Lage in Haiti ungleich dramatischer: Die Hilfs- und Sicherheitskräfte sahen sich mit einer völlig zusammengebrochenen Infrastruktur konfrontiert. Der Tsunami zerstörte zwar ganze Landstriche bis zur Unkenntlichkeit, die Trupps konnten sich aber im Landesinneren, abseits der verwüsteten Strände, problemlos koordinieren.

In Haiti war das unmöglich. Eingestürzte Gebäude blockierten zentrale Verkehrswege. Telefon und Internet funktionierten nicht. Selbst Satellitentelefone gaben immer wieder den Geist auf. In vielen Teilen von Port-au-Prince war auch vier Tage nach der Katastrophe von den Hilfskräften nichts zu sehen. Straßenabschnitte und Gehsteige waren mit Leichen bedeckt. Jugendbanden hatten die Kontrolle übernommen. Es herrschte Anarchie. Gewalt war allgegenwärtig, Erschossene in den Straßen keine Seltenheit.
Ein Geschäft für Taxifahrer. Wie arbeitet man in so einer Situation als Journalist? Ein zentraler Punkt: Man verlässt sich auf die Hilfe von Einheimischen. Einen vertrauenswürdigen Taxifahrer zu finden ist die halbe Miete. Unser Mann hieß Alphonse Musac. Der 65-jährige ist in Port-au-Prince aufgewachsen. Haiti hat er in seinem Leben noch nie verlassen. Er kennt die örtlichen Gegebenheiten. Er weiß, wem man vertrauen kann und wem nicht. Er entscheidet, wohin man fährt, und welche Stadtteile man meidet.

Und, genauso wie alle anderen Taxifahrer in der völlig zerstörten Hauptstadt: Er weiß, dass er für sein Service im Moment einiges verlangen kann. Mindestens 200 US-Dollar kostet ein Taxi seit der Katastrophe pro Tag – das Zehnfache des normalen Preises.

Doch mit dem Finden eines verlässlichen Fahrers hat der Journalist in Haiti nur einen kleinen Teil der Probleme gelöst. Stundenlanges Warten auf eine Internet- oder Telefonverbindung zählen ebenso zum Alltag wie das Schlafen im Freien. Die wenigen Hotels, die das Beben unbeschadet überstanden haben, sind völlig überlaufen. Für 50 Dollar pro Nacht bieten sie eine Schlafmöglichkeit im Freien, für 100Dollar und mehr einen Platz in einem kleinen Zimmer.

Natürlich muten die Probleme der Journalisten im Vergleich zu jenen der Haitianer lächerlich an. Doch einen kleinen Teil des Leides konnten auch wir erfahren. Nahrung war vor allem in den ersten Tagen kaum vorhanden – egal, welchen Preis man dafür zu zahlen bereit gewesen wäre. Auch später besserte sich die Lage kaum. Die Portionen waren klein, das Essen oft ungenießbar. Trotzdem: Im Vergleich zu den hungernden Kindern auf der Straße hatten wir immer noch den Jackpot gezogen.


Die Angst vor Nachbeben. Unmittelbar nach der Katastrophe waren die überdachten, klimatisierten Räumlichkeiten in den überfüllten Hotels noch sehr gefragt. Reiche Geschäftsleute, die den Weg außer Landes nicht geschafft hatten, boten bis zu 800 Dollar pro Nacht, um einen der begehrten Schlafplätze zu ergattern. Im Freien sind die Stechmücken eine Plage. Jene, die nicht geimpft waren, fürchteten, sich mit Malaria anzustecken.

Doch nach den ersten schweren Nachbeben drehte sich das Blatt. Die nicht überdachten Plätze wurden begehrter. Die Angst vor weiteren Erdstößen ging um. Als uns das heftigste Nachbeben mit einer Stärke von 6,1 auf der Richterskala aus dem Schlaf riss, konnte ich in jener Nacht nicht wieder zu Bett gehen. Das Gefühl der Angst und Ohnmacht angesichts der bebenden Erde ist eine der prägenden Erinnerungen, die zurückbleiben.

Schwerer wiegen aber die Bilder der vielen toten Menschen. Jene, die tagelang auf dem heißen Asphalt lagen und zu verwesen begannen. Jene, die wie Abfall in Massengräber geschüttet wurden. Jene, die in den Spitälern vor meinen Augen starben. Und jene, die nicht durch das Beben, sondern von Pistolenkugeln getötet wurden.


Es bilden sich „Syndikate“. Die angespannte Sicherheitslage ist eines der größten Probleme, mit denen sich Haiti nun konfrontiert sieht. Das organisierte Verbrechen zählt zu den größten Profiteuren der Katastrophe. Es bilden sich sogenannte „Syndikate“. Sie schlagen aus der zerstörten Infrastruktur Profit. Man begegnet ihnen unter anderem an der Grenze zur Dominikanischen Republik. Dort bieten sie völlig überteuerte Taxifahrten an.

Wer auf diese nicht zurückgreifen will, tut gut daran, die Geldbörse zu zücken. Juan, ein dominikanischer Fahrer, der einen schwedischen Kollegen und mich über den Grenzübergang Malpasse außer Landes gebracht hatte, steckte einem jungen Mann in Zivil 30 Dollar zu. „Sonst sind meine Reifen morgen kaputt“, erklärte er.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2010)