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Doping: Wenn die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht

OLYMPISCHE WINTERSPIELE PYEONGCHANG 2018: PK IOC: BACH
APA/EXPA/JOHANN GRODER
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Die Aufhebung der Olympia-Sperren durch den Internationalen Sportgerichtshof CAS verärgert das IOC. Unter dem langen Schatten Sotschis leidet vier Jahre später auch Pyeongchang.

Pyeongchang/Wien. Der Dauerwirbel um die Folgen des russischen Dopingskandals mit juristischen Gefechten bis zur letzten Minute und das nach dem Gigantismus bei den Winterspielen 2014 weiter gewachsene Misstrauen gegen das Internationale Olympische Komitee liegen als Schatten über der Eröffnung des Spektakels in Südkorea am Freitag. „So etwas tut mir einfach leid für die Athleten“, sagte IOC-Präsident Thomas Bach kurz vor dem Auftakt zerknirscht.

Hoffnung auf positive Schlagzeilen ziehen die Gastgeber immerhin aus der Teilnahme nordkoreanischer Sportler, mit der die Angst vor einer Eskalation der politischen Lage auf der Halbinsel vorerst verschwand, und dem gelungenen Kraftakt bei der Vorbereitung der 102 Wettbewerbe auf Eis und Schnee. „Die Bühne ist bereitet. Wir können uns mit großer Zuversicht auf exzellente Spiele freuen“, versicherte Bach im Bemühen, den Blick weg von den Problemfeldern des IOC zu lenken.

Doch jeder Auftritt russischer Sportler, die in Pyeongchang nur unter neutraler Flagge (bei der Eröffnungsfeier trägt sie ein südkoreanischer Freiwilliger) und ohne Hymne starten dürfen, könnte die Erinnerung an den gewaltigen Sportbetrug von Sotschi 2014 zurückbringen. Die umstrittenen Sanktionen des IOC nach den Doping-Manipulationen der Russen bei ihren Heimspielen und die Aufhebung vieler Sperren durch die Sportrichter überlagerten in den Wochen vor den Spielen so manche Erfolgsmeldung aus Pyeongchang. Umgerechnet mehr als zehn Milliarden Euro haben sich die Südkoreaner ihr erstes Winter-Olympia kosten lassen. 30 Jahre nach den Sommerspielen von Seoul sollen die Investitionen aus der Region in der Provinz Gangwon ein Wintersport-Mekka machen, auch wenn die Ausgaben im Vergleich zu den unfassbaren 50 Milliarden für Sotschi 2014 fast sparsam wirken. „Alles ist fertig geworden“, versicherte Gouverneur Choi Moon Soon bei der Eröffnung der beiden Athletendörfer.

Aufgeblähtes Olympia?

Mehr als 2900 Sportler aus 92 Nationen werden an den Start gehen, darunter auch eine kleine Delegation aus Nordkorea. Nach dem überraschenden Vorstoß von Machthaber Kim Jong-un an Neujahr einigten sich Nord- und Südkorea mit dem IOC darauf, eine gemeinsame Eishockeymannschaft der Frauen zu bilden und bei der Eröffnungsfeier zusammen hinter neutraler Flagge einzulaufen. „Das wird nicht nur für Korea ein emotionaler Moment, sondern für die ganze Welt“, sagte IOC-Chef Bach.

Mit 102 Medaillenentscheidungen wird in Pyeongchang erneut eine Rekordmarke erreicht, was nicht jedem gefällt. Ski-Star Felix Neureuther, der verletzt in Pyeongchang fehlt, sprach in der „Süddeutschen Zeitung“ von einem unnötig aufgeblähten Programm und meinte: „Als Nächstes machen wir Langlauf mit langen und halb so langen Skiern? Und alles, um noch mehr Fernsehzeit, Sponsoren und Einnahmen zu generieren.“
Neu dabei sind in Südkorea vier Disziplinen: die Massenstarts der Eisschnellläufer bei Frauen und Männern, das Team-Event der Skirennfahrer, das Mixed im Curling und der Big-Air-Wettbewerb der Snowboarder. Der Parallel-Slalom der Snowboarder hingegen wurde gestrichen. Die Begeisterung für die Winterspiele ist in Südkorea immer noch begrenzt. Wenige Tage vor der Eröffnung war noch ein Viertel der Eintrittskarten für die Wettbewerbe zu haben.

Doch auch dieser Umstand ging in den jüngsten Meldungen rund um die Aufhebung der IOC-Sperren von 28 russischen Sportlern sowie die Reduzierung der Sanktionen für elf weitere durch den Internationalen Sportgerichtshof CAS unter.

IOC fordert CAS-Reform

Das IOC reagierte auf diesen Entscheid enttäuscht, fordert nun sogar eine Reform des CAS. Bach betonte, dass man außer der Pressemitteilung noch keine nähere Ausführung zu den Urteilsbegründungen erhalten habe.

Die Herangehensweise des CAS mache aber deutlich, dass es strukturelle Reformen brauche, sagte Bach. „Wir können nicht riskieren, dass der CAS seine Glaubwürdigkeit bei den Athleten verliert.“ Der CAS müsse sich so verändern, „dass die Qualität und die Beständigkeit seiner Rechtsprechung gewährleistet“ sei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 5.2.2018)