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Medien: Die Türkei träumt von der EU

(c) Michaela Bruckberger
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Der Euronews-Chef präsentierte in Istanbul die türkische Version des Nachrichten-Senders. Er sieht das als Beteiligung an der Integration der türkischen Bevölkerung in Deutschland und Österreich.

Ein blonder Bombenspürhund war Samstagabend in Istanbul für die Sicherheit verantwortlich: für die Recep Tayyip Erdogans, des Ministerpräsidenten der Türkei, und rund 200 weiterer Gäste. Der Labrador und sein Herrl gaben den Raum frei, in dem Euronews seinen türkischsprachigen Kanal präsentierte. Euronews ist mit einem Marktanteil von 17,4 Prozent Europas führender Nachrichtensender. Sein Start in der – neben Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Russisch, Arabisch – neunten Sprache wurde in der aktuellen Europäischen Kulturhauptstadt zum Staatsakt.

„Wir sind nicht gekommen, um zu kämpfen, sondern um zu lieben“, zitierte Erdogan türkische Poesie aus dem 14. Jahrhundert, bezog sich damit auf Euronews, aber auch auf einen potenziellen EU-Beitritt seines Landes. Eine EU ohne Türkei, mahnte er, sei unvollständig. Fünf Millionen Türken leben in Europa; die Daheimgebliebenen „träumen“ davon, dazuzugehören. Dabei habe die Türkei stets auf „Stabilität“ geachtet, so Erdogan – eine zynische Aussage, auch weil diese „Stabilität“ bei Bedarf mittels Einschränkung von Menschenrechten, z. B. der Meinungsfreiheit, hergestellt wird.

 

Freie Bilder aus Lyon

„In Lyon setzt niemand die türkischen Journalisten unter Druck“, sagt Euronews-Geschäftsführer Philippe Cayla. Der Nachrichtenkanal gehört 21 öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. In der französischen Stadt bündelt er seine rund 250 Journalisten aus ganz Europa, zuletzt kamen 17 türkische hinzu. Lyon als Babel. Wie die Produktion dort funktioniert? Der Sender verzichtet auf Moderatoren – als Zeichen seiner Neutralität, heißt es. Am charakteristischsten ist das Format „no comment“, das Bilder ausschließlich mit Originalton zeigt.

Was die Sprachenvielfalt betreffe, sei der Purismus nicht puristisch, betont Cayla. Farsi kommt im Oktober als zehnte Euronews-Sprache dazu; persischen Partner gibt es – wie beim Arabisch-Kanal– keinen, beide werden von der EU mitgefördert. Hindi und Mandarin sind Caylas nächster „Traum“ für Euronews. Zur medialen Völkerverbindung schießt die EU dem Kanal grundsätzlich fünf Millionen Euro pro Jahr zu. Dass Euronews die EU deshalb in besserem Licht darstellen könnte, bestreitet der Sender. Das Förderprogramm läuft im Februar aus, die EU-Kommission will es jedenfalls um ein Jahr verlängern, erfuhr „Die Presse“. Darüber wird Cayla Mitte Februar in Brüssel verhandeln.

Dort wird er auch vom „sehr bedeutenden Schritt der Türkei nach vorn“ berichten, als den Brüssel die türkischen Euronews erachte. TRT, zu einem Fünftel vom Staat finanziert, hält rund 16 Prozent an Euronews, ein Prozent kostet 300.000 Euro. Die Türkei ist viertgrößter Teilhaber hinter France Télévisions (25%), Italiens Rai (23%), Russlands RTR (17%). Russland und die Türkei halten somit ein Drittel der Anteile. „Stellen Sie sich vor“, entrüstet sich in Istanbul ein Kollege vom französischen „Nouvelle Observateur“, „zwei Länder, die gar nicht zur EU gehören!“ Cayla sieht das anders: „Das ist unsere freiwillige Beteiligung an der Integration der türkischen Bevölkerung u. a. in Deutschland und Österreich.“ Insgesamt erreicht Euronews 400 Millionen europäische Haushalte.

Deutschland und Großbritannien sind nicht an dem Kanal beteiligt, beide finanzieren eigene internationale Programme. Beim ORF klopft Cayla alle (zwei) Jahre wieder an – bisher vergeblich. Eine Anregung für Österreich könnte TRT liefern: Der finanziert sich mit seinen Anteilen an Euronews nun sein Frühstücks-TV, speist täglich von sechs bis sieben Uhr morgens Euronews ein.

 

Auftakt mit wenig kritischem Interview

Den Abschluss der Zeremonie am Samstag bildete eine schräge folkloristische Version von „Freude, schöner Götterfunken“. Erdo?an lächelte zufrieden. Als Erstes sendete das türkische Euronews ein Interview mit ihm. Die Journalisten befragten den Premier eher keusch als kritisch – u. a. über das Verhältnis der Türkei zu den Israelis. Erdo?an: „Wie sollen wir ihnen vertrauen, wenn sie uns nicht vertrauen?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2010)