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Wieso Moslems nicht "zu Kreuze kriechen" sollten

(c) AP (Peter Morrison)
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Wernfried Hofmeister hat das „WortSchätze“-Projekt ins Leben gerufen. Es soll Schüler für die Schönheiten der Alltagssprache sensibilisieren.

„Die Presse“: Was soll das „WortSchätze“-Projekt bewirken?

Hofmeister: Wir verfolgen das Ziel, Kindern und Jugendlichen die Verwendung und Herkunft bildhafter Alltagssprache näherzubringen, also die Frage nach dem Woher und dem Wann eines spannenden Ausdrucks zu beantworten. So lernen sie auch, wie neue Dinge oder Vorstellungen unseren Wortschatz prägen.

Ursprünglich sollte das Projekt an historischen Schauplätzen stattfinden. Aus finanziellen Gründen kam es nicht dazu. Leidet das Projekt darunter?

Hofmeister: Durch die stark verminderte Förderungssumme, aber auch wegen der Reisekosten für die Schulen mussten wir das Projekt für beide Seiten kostengünstiger gestalten. Wir haben es daher virtualisiert, ohne dessen Kernerträge zu gefährden. Damit wir mit unserer Sprachausstellung mobil sind, haben wir das gesamte Projekt in eine digitale Datenbank gepackt, es mit digitalen Bildern ausgestattet und viele wissenswerte Informationen so angefügt, dass sie rasch abrufbar sind. Mit unserem „WortSchätzekoffer“ konnten wir schon in viele steirische Schulen gehen und rund 7000 Jugendliche unterrichten.

Für welche Altersklassen sind die WortSchätze gedacht?

Hofmeister: Wir bieten von der Volksschule bis hin zur Oberstufe einen altersgerechten Unterricht. In die Volksschulen bringen wir den WortSchätzekoffer gefüllt mit Präsentations- und Arbeitsmaterialien, die spielerisch Assoziationen zu Sprachbildern wecken und alle unsere Themenbereiche veranschaulichen. Dazu gehören mittlerweile neben den wehrhaften auch die sportiven, religiösen, musikalischen und die nahrhaften WortSchätze. Sie alle sind für das Projekt durch Diplomarbeiten hinzugekommen, und schon bald werden wir auch mit den mathematischen WortSchätzen „rechnen“ dürfen. In der Unterstufe kann man sich reflexiv mit all diesen Sprachbildern auseinandersetzen, indem etwas bewusst „wörtlich genommen“ oder gefragt wird, ob jemand in einer anderen Sprache „etwas Ähnliches“ kennt. In den Maturaklassen geht es vermehrt um sprachethische Grundfragen oder um die Intentionalität der Sprache: Was passiert etwa, wenn ich zu einem Muslim sage, er müsse jetzt „zu Kreuze kriechen“? Das kann eine Herabwürdigung seiner Religion bedeuten, selbst wenn man es nicht so gemeint hat.

Viele dieser Redensarten sind ja bereits seit dem Mittelalter in Verwendung – sind sie für den heutigen Zeitgeist nicht mehr up to date?

Hofmeister: Unser alter Sprachschatz soll nicht als eine Büchse der Pandora erscheinen, die man besser nicht öffnet. Freilich schwingt bei manchen Ausdrücken Negatives mit. Speziell das Wehrhafte ist mitunter verletzend. Trotzdem wird es vor allem von den Medien tagtäglich verwendet: „Im Kreuzfeuer der Kritik stehen“ oder „unter Beschuss geraten“ liest man oft. Etwas beklommen kann einen aber auch der Bereich des Sportiven machen, bei dem man „vom Hürdenlauf“ des Lebens spricht und „die Ziellinie erreicht“ oder nicht. Weniger belastend, eher humoristisch ist der Bereich des Nahrhaften, wenn man „Tomaten auf den Augen“ hat, oder des Musikalischen, wenn „Katzenmusik“ erklingt. Mir scheint, dass in unserer Gesellschaft eine gewisse Sensibilisierung für das Werkzeug Sprache erfolgt ist. Viele heute gängige Ausdrücke werden in Zukunft in Diskussion geraten. Da sind wir mitten im Sprachwandel: Was ist verzichtbar, was nicht, was ist in bestimmten Situationen gut anwendbar und bereichert unseren Wortschatz?

Gibt es in Zeiten der Globalisierung überhaupt noch so etwas wie ein sprachliches Zuhause? Sollten die Universitäten nicht als Sprachnormierer auf den Plan treten?

Hofmeister: Wir an der Universität sind, was das Erfassen und Auswerten von sprachlicher Entwicklung angeht, sicher eine Art Seismograf. Aber einer unabhängigen Forschung steht es nicht gut an, selbst Vorschriften zu machen. Die sprachliche Norm, speziell in der Schriftsprache, wird heutzutage stark von den Medien beeinflusst. Sie sind es vermehrt, die Diskurse und unsere Sprachpraxis lenken und regulieren.

Um auf den anderen Teil Ihrer Frage zurückzukommen: Das „globale Dorf“, das wir geworden sind, verlangt nach einer Durchlässigkeit nicht nur der Waren, sondern auch der damit einhergehenden Bezeichnungen. Da wirkt es skurril, wenn sich die großen Kämpfer wider alles Fremde zwar gegen die Begriffe zur Wehr setzen, aber die Dinge und Werte, die damit bezeichnet werden, fraglos in Kauf nehmen. Ich sehe die Aufnahme neuer Begriffe hingegen als etwas ganz Natürliches und würde dazu raten, ohne Hektik Veränderungen zu beobachten und erst dann einzugreifen, wenn unsere Sprache wirklich zu verarmen droht. Neologismen oder Fremdwörter haben meistens nur eine kurze „Halbwertszeit“, darum würde ich sie auch manchmal lieber Gast- und nicht Fremdwörter nennen.

Was halten Sie vom Binnen-I?

Hofmeister: Prinzipiell ist das textsortenabhängig. Es kommt ganz darauf an, wen man erreichen möchte und ob etwa ausreichend Platz ist, um „Studentinnen und Studenten“ getrennt anzusprechen. Es geht auch um die Frage, wie sensibel die Textrezipienten bezüglich solcher Ausdrücke reagieren. Bei Sprache sind generell Aufmerksamkeit und Verständnis wichtig – etwas, das auch die WortSchätze vermitteln. Geht es nach rein schriftästhetischen Aspekten, wird man Sparschreibungen wie „StudentInnen“ wohl als eher wenig gelungen empfinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2010)

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