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EU-Kommission muss sich mit Sommerzeit beschäftigen

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SymbolbildAPA/HERBERT PFARRHOFER
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Die Forderung, die Sommerzeit ganz abzuschaffen, fand im EU-Parlament keine Mehrheit. Aber einig waren sich die Parlamentarier mehrheitlich darin, dass die EU-Kommission eine „gründliche Bewertung“ vornehmen soll.

Alle Jahre wieder – nein, kommt nicht das Christuskind, sondern die Zeitumstellung, sprich: Sommerzeit. Ein emotionsgeladenes Thema, mit dem sich am Donnerstag auch das Europaparlament beschäftigte. Es stimmte sogar über die Abschaffung der Sommerzeit ab.

Vorweg: Die Forderung des Verkehrsausschusses, die Sommerzeit ganz abzuschaffen, fand im Parlament keine Mehrheit. Aber einig waren sich die Parlamentarier mehrheitlich darin, dass die EU-Kommission eine „gründliche Bewertung“ der EU-Richtlinie zur halbjährlichen Zeitumstellung vornehmen und gegebenenfalls Änderungen vorschlagen soll. Abgeordnete aus unterschiedlichen Fraktionen hatten die Zeitumstellung als nicht mehr zeitgemäß kritisiert und auf gesundheitliche Störungen bei vielen Menschen und Tieren verwiesen.Die Entschließung wurde mit 384 gegen 153 Stimmen bei 12 Enthaltungen angenommen.

Der Antrag war im Ausschuss für Verkehr und Tourismus unter Vorsitz der französischen Grünen Karima Delli auf den Weg gebracht worden. Durch einen Antrag zahlreicher Christdemokraten wurde er jedoch stark abgeschwächt. Der Sprecher der Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen im Europäischen Parlament, Sven Giegold, erklärte jedenfalls: "Für die Zeitumstellung ist die Zeit abgelaufen. Die Vorteile für die Energieeinsparung sind gering, aber die Nachteile für die Gesundheit mancher Menschen sehr groß. Auch wir Grüne haben die Zeitumstellung lange mit Energiesparen begründet, dieses Argument haben zahlreiche Studien entkräftet."

"Die zweimal jährliche Zeitumstellung ist sinnlos und gefährlich: Der Wechsel von der Normalzeit auf die Sommerzeit und wieder retour bringt nicht nur keine Energieersparnis, sondern vielmehr erhebliche Gesundheitsrisiken vor allem für Kinder und ältere Menschen", sagte der ÖVP-Europaabgeordnete Heinz K. Becker schon vor der Abstimmung."Daher muss mit der zweimal jährlichen Zeitumstellung endlich Schluss sein." "Wir wollen keine Sommer- oder Winterzeit, sondern ein einheitliches Zeitmodell", erklärte der freiheitliche Delegationsleiter im Europäischen Parlament und FPÖ-Generalsekretär, Harald Vilimsky.

Auch die deutschen Abgeordneten zeigten sich mehr als nur engagiert: Der CDU-Abgeordnete Dieter Koch berichtet, sein E-Mail-Postfach gehe geradzu über beim Thema Zeitumstellung. "Macht endlich was!", fordern sie ihn auf. "Betroffen sind oft kranke Menschen, solche mit psychischen Problemen", sagt der 65-Jährige im Interview mit dem ARD-Studio in Brüssel. "Und dann natürlich diejenigen, die im technischen Bereich arbeiten." Menschen, die etwa Flugzeiten umstellen, Flugzeuge umleiten müssten, bei der Bahn arbeiteten und überall dort, wo es technische Probleme gebe. "Von den Landwirten mit ihren Tieren oder Eltern mit ihren Kindern mal ganz zu schweigen."

Koch verweist auf Studien, wonach unter anderem die Zahl der Verkehrsunfälle unmittelbar nach der Zeitumstellung steige, weil die Menschen morgens eben doch noch nicht wieder so fit seien wie sie sein sollten. Einen ganzen Arbeitsbericht habe das Europaparlament zusammengestellt, während die EU-Kommission seit Jahren vor sich hin prüfe. "Ich bin jetzt seit über 25 Jahren im Europaparlament", sagt Koch. "Aber solch einen Ansturm von Bürgeranfragen habe ich noch nicht erlebt."

Österreicher sind eher neutral

Von der österreichischen Bevölkerung wird die Verschiebung des Tageslichts um eine Stunde nach hinten bisher gelassen gesehen. 80 Prozent betrachteten dies im Jahr 2011 in einer Umfrage des Linzer Market-Instituts positiv bzw. neutral.

39 Prozent fanden damals, die Zeitumstellung habe Vorteile. 41 Prozent erklärten, dass die Sommerzeit für sie weder Vor- noch Nachteile bringe. Nachteile sahen lediglich 19 Prozent. Von den Befragten zwischen 15 und 29 Jahren waren sogar 60 Prozent von der Sommerzeit begeistert. Viele Befürworter fand sie auch bei den Berufstätigen. Hier sahen 44 Prozent klare Vorteile. Zu den wirtschaftlichen Auswirkungen befragt, sagten 83 Prozent, sie sehen die Sommerzeit neutral bis positiv.

Die Folge für den Menschen ist in erster Linie ein "Mini-Jetlag". Von diesem sind Kinder und Jugendliche am stärksten betroffen, hatte die MedUni Wien zur Zeitumstellung im Frühjahr 2017 mitgeteilt. Generell sei die Umstellung nicht mehr zeitgemäß und unnötig, sagte Schlafforscher Gerhard Klösch von der Universitätsklinik für Neurologie.

Der menschliche Organismus gleicht sich automatisch an den natürlichen Rhythmus des Lichts an. "Dazu brauchen wir keine Zeitumstellung. Licht ist ein optimaler Zeitgeber", erläuterte Klösch. Der Wechsel auf Sommerzeit kostet Kinder und Jugendliche laut Untersuchungen effektiv 32 Minuten Schlaf. Dieses Minus kann sich über zwei Wochen hinziehen. Es gibt aber auch Schlafforscher, die den Menschen für anpassungsfähig genug halten, sich auf die halbjährliche Zeitumstellung einzustellen.

Bei Haustieren empfehlen NGOs eine schrittweise Umstellung in den Tagen vor dem Wechsel. Kühe haben beispielsweise auch feste Zeiten, wann sie gefüttert und gemolken werden. Viele Bauern versuchen daher ebenfalls, die Fütterungszeiten nach und nach anzupassen. Trotzdem kann es passieren, dass Kühe über mehrere Tage weniger Milch geben.

Einführung anlässlich der Ölkrise 

Eingeführt wurde die Sommerzeit 1973 in Europa anlässlich der Ölkrise und mit dem Hintergrund, Energie zu sparen. Mit der Zeitverschiebung sollte eine Stunde Tageslicht für Unternehmen und Haushalte gewonnen werden. Frankreich machte damals den Anfang.

Österreich beschloss die Einführung erst 1979 wegen verwaltungstechnischer Probleme und weil man eine verkehrstechnische Harmonisierung mit der Schweiz und Deutschland wünschte. Diese beiden Länder führten die Sommerzeit erst 1980 ein. Allerdings gab es in der Alpenrepublik bereits im Ersten Weltkrieg schon einmal die Sommerzeit. Im Jahr 1916 galt sie für die Monarchie vom 1. Mai bis 30. September, wurde dann aber wieder eingestellt. Ein zweiter - erfolgloser - Versuch wurde in den Jahren 1940 bis 1948 unternommen.

Heuer werden die Uhren in Europa in der Nacht auf den 25. März auf Sommerzeit umgestellt. Am 28. Oktober endet diese dann wieder.

(APA/Red.)