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Die verproletarisierte Gesellschaft: Gibt es nur mehr Schickeria?

Buffet und Charity − so lautet ein vernichtendes Urteil über das, was von der Society blieb.

Ob sich Armin Assinger für die letzte „Promi-Millionenshow“ im Fasching, die vor ein paar Wochen stattfand, Kandidaten ausgesucht hatte, die als Prominente gelten konnten, weiß ich nicht. Ich hielt sie für Menschen so wie du und ich und so benehmen sie sich auch. Aber mit der sogenannten Prominenz ist es ja überhaupt so eine Sache.

Es ruft wieder in Erinnerung, was es denn eigentlich heißt, prominent zu sein. Über alle diese Probleme habe ich bereits vor Jahren ein im Molden-Verlag erschienenes Buch geschrieben, das sich unter dem Titel „Prominente, Promis, Adabeis“ mit der Frage beschäftigte, wie aus der Gesellschaft die Society geworden ist. Mit beiden Begriffen habe ich mich Zeit meines journalistischen Lebens intensiv befasst. Das Resultat habe ich als Ergebnis von Interviews zu Papier gebracht. Darunter waren drei, die ich als ewig gültig bezeichnen würde: Elisabeth Gürtler, Michael Jeannée und Karl Hohenlohe.

Gesellschaft ist nicht mit Society zu verwechseln. Ich darf aus meinem Buch zitieren: „Gesellschaft als Society. Society als Gesellschaft. Momentaufnahmen, aber auch Schlaglicht auf die Vergangenheit und Prognose der Zukunft. Gesellschaft, wie sie einmal war, Society, wie sie heute ist, und eine adäquate Gruppierung, wie sie morgen sein könnte. Ein Durcheinander, nicht wahr? Die Unterschiede sind beträchtlich.“


Wenn wir von Society sprechen, kommt dann die Rede schnell auf die „Seitenblickegesellschaft“, und die heißt dann gleich gerne und schnell „Schickeria“. Michael Jeannée, einst der „Adabei“ und heute Postillon der „Kronen Zeitung“, fasst sein Urteil in einem Satz zusammen, der den Beweis liefert, dass auch am Boulevard guter und vor allem richtiger Journalismus geliefert werden kann, wenn er sich ernsthaft mit den Problemen auseinandersetzt. „Die Gesellschaft hat sich verproletarisiert“, meint er und hält die Society von heute für einen Abklatsch jener Gruppierung, die er das „gehobene Bürgertum“ nennt. Auch den Dresscode der Gegenwart lehnt er ab: „Mit Haferlschuhen in die Oper. Der Krawattenzwang ist abgeschafft. Eine Premiere ist, was es nachher für einen Champagner gibt. Buffet und Charity – das ist der Tod der Gesellschaft. Das hat nichts mit Ideologie oder Bürgertum zu tun. Das Niveau ist in die Tiefe gesackt.“

Nicht weniger negativ hat Karl Hohenlohe, gleichfalls Gesellschaftsreporter von Gnaden, das Urteil über sein Fachgebiet unverblümt ausgedrückt. „Die ambitionierten Gesellschaftsredakteure sind unglücklicherweise nur einem Gut verpflichtet: der Oberflächlichkeit“, schrieb er im „Kurier“. Und in Anlehnung an Bruno Kreisky, der zur Begründung, warum er eine prominente Dame nicht ins Kabinett aufgenommen habe, „alt bin ich selber“ gesagt hatte, kann Hohenlohe von sich behaupten: „Prominent bin ich selber.“

Bleibt Elisabeth Gürtler. Sie weiß, was Gesellschaft ist, ist sie doch selbst ein Teil davon, Teil der Ersten Gesellschaft. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie über Prominente, Gesellschaft, Lifestyle, Kultur plaudert. Wenn sie über Erziehung spricht, über Stil und alles das, was man unter „G'hört sich“ verstehen könnte. Nicht alles, was sich g'hört, weiß Armin Assinger. Er nimmt in Kauf, dass die Villacher Deppenshow in den letzten Tagen vor dem Aschermittwoch die Österreicher wieder als Volk von Idioten ausweist.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.
E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2018)