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Gastkommentar

Die Gerechten, die Ungerechten und die Hypermoralisten

Die Journalisten zeigen in diesen Tagen, was sie alles so draufhaben.

Zuerst gab es die Affäre um das Foto von Kitzmüller mit Küssel. Behauptet wurde, dass das Foto die Dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller bei einen Neonazi-Treffen im Jahr 2006 gemeinsam mit dem verurteilten Rechtsbrecher Gottfried Küssel zeige. Der Skandal wollte nicht so recht zünden, erwies sich auch als Verleumdung. Dann die Empörung um die Verwendung des Wortes „konzentriert“ durch den Innenminister, Herbert Kickl, wodurch sich „die Sprache des Nationalsozialismus durch die Hintertür in unser Denken und Fühlen einschleicht“ (Maria V assilakou). Auch diese Empörung ging schnell wieder vorüber.

Erst die Liederbuchaffäre um die Burschenschaft Germania mit einem abgedruckten, wahrlich geschmacklosen Spottvers erreichte die beabsichtigte Tragweite. Der Spitzenkandidat der FPÖ Niederösterreich, Udo Landbauer, musste seinen Kopf dafür hinhalten. Gerichtlich wird wenig überbleiben, waren sich die Oppositionsjournalisten in ihren fast täglich abgehaltenen TV-Tribunalen einig. Hypermoralisten oder Heuchler, wenn das Strafgesetzbuch als Richtschnur nicht mehr ausreicht?

Oscar Wilde meinte: „Es gibt zwei Klassen von Menschen: die Gerechten und die Ungerechten. Die Einteilung wird von den Gerechten vorgenommen.“ Also weiter wie gehabt in Sachen Moral und politischer Aktionismus.

Verwahrloster Journalismus

„Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Kriegs nicht mehr.“ Im Journalismus träten die „Verwahrlosung“ und die „zügellose Parteinahme“ allzu deutlich hervor, konstatierte der Philosoph Peter Sloterdijk. Vor 15 Jahren bereits etablierte er den Begriff der „bunten Mitte“, die sich – in Anlehnung an Elias Canettis „Hetzmeute“ – zur „Hetzmitte“ formiert hätte.

Unter dem Slogan „Bunt statt braun“ erlebt diese Haltung nun eine Aufladung immer wieder aufs Neue. Der ORF Tirol ritt aus, um den FPÖ-Mann Markus Abwerzger zu begleiten. Ein dabei entstandener, manipulativ verkürzter Bericht ließ die Wogen hochgehen, und die Welle schwappte zurück. Wie auch schon die „launige“ Überschrift der „ZiB 2“, „Django, die Totengräber warten schon“, einen Spitzenpolitiker mit dazu bewegt hatte, das Handtuch zu werfen.

Misstrauische ORF-Kunden Die staatlich gehegte Umverteilung von veröffentlichter Meinung und politischer Umerziehung nimmt eine immer groteskere Schieflage ein. Der ORF zeigt, was er kann. Das vermittelte Bild deckt sich kaum noch mit den politischen Einstellungen und dem Wahlverhalten seiner Zwangskunden. Bei mehr als 60 Prozent hat der Sender erheblich an Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Reichweite verloren. Der verbliebene Marktanteil von nicht einmal einem Drittel berechtigt zu 100 Prozent Zwangsgebühren.

Feuer ist dennoch nicht am Dach. Ein paar Jubelsendungen und unkritische Einladungen werden das schon wieder ins rechte linke Lot rücken. Die moralische Überlegenheit korrumpiert zu einem „aggressiven Humanismus“, bekannt aus den Romanen von Alexander Solschenizyn, in denen dieser Euphemismus von Vollzugsbeamten des stalinistischen Terrors geäußert wurde. Der Zweck heiligt die Mittel, auch wenn sie noch so unprofessionell über den Äther kommen.

Was bleibt? Muss man sich bei der Gegenseite bedienen? „Wir können sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen. Wir können sie aber dazu bringen, immer unverschämter zu lügen.“ Ein Zitat aus dem RAF-Umfeld, das Ulrike Meinhof zugeschrieben wird. Soll das wirklich unsere Zukunft sein?

Karl Weidinger (geboren 1962) lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien und im Burgenland. Sein Anliegen ist die Gesellschaftskritik.

E-Mails an: debatte@diepresse.com