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Haiti: Wo der Staat in Scherben liegt

Präsidentenpalast in Trümmern
(c) EPA (MARCO DORMINO / UN PHOTO HANDOUT)
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Das Beben hat die Verwaltungsstrukturen völlig zerstört. Das einzige Ministerium, das steht, ist das Sozialministerium. Noch immer kann die Regierung praktisch nur eines tun: Tagen.

Zu den vielen ungeklärten Fragen in Haiti gehört momentan jene, was die Regierung eigentlich so macht. Soviel zumindest scheint sicher: Sie tagt.

Und zwar außerhalb der Stadt in einer Polizeikaserne. Fast alle Regierungsgebäude in Port-au-Prince sind zerstört. Das einzige Ministerium, das steht, ist das Sozialministerium. Es war ironischerweise vor dem Beben jenes Gebäude, das von allen Regierungsgebäuden am schlechtesten in Schuss war.

Nun sitzt die Regierung vor den Toren der Stadt und versucht, der Lage Herr zu werden. Kultur- und Kommunikationsministerin Marie Laurence Jocelyn Lassègue gibt unter einem Baldachin vor der Tür fast stündlich Pressekonferenzen, deren Informationsgehalt aber gering ist. Die Journalisten warten darauf, dass sich der Premier oder Präsident mal zeigt – aber das geschieht nicht, denn die tagen ja.

 

Es gibt nicht viel zu sagen

Draußen fordern Demonstranten den Rücktritt von Präsident René Préval, während Lassègue die Presse darüber informiert, dass sie wenig sagen kann, weil der Premier nicht da ist. Zwischen den Konferenzen sitzt die resolute Frau, die zuvor Frauenministerin war, auf dem Podium und telefoniert. Und wischt sich eine Träne aus dem Auge. Wie alle hier hat sie Menschen verloren, die ihr nahe standen. Sie hatte nur noch keine Zeit darüber nachzudenken, weil sie täglich als Beweis dafür herhalten muss, dass die Regierung noch existiert.

Die US-Journalisten interessiert fast nur noch, was mit ihren zehn Landsleuten geschieht, die jüngst verhaftet wurden, als sie 33 Kinder in die Dominikanische Republik bringen wollten. Angeblich hatten sie Adoptionspapiere, doch wird wegen Verdacht auf Kinderhandel ermittelt. Das Risiko, dass Schlepper das Chaos ausnutzen, ist hoch, Beweise sind aber rar. Zur Versachlichung der Debatte trug Premier Jean-Max Bellerive nicht bei, als er im CNN-Interview mit der Überall-Reporterin Christiane Amanpour über Kinderorganhandel fabulierte, ohne Beweise vorlegen zu können.

Die Regierung scheint vor allem das Problem zu haben, dass sie nicht weiß, was sie zuerst anpacken soll. Eine Prioritätenliste scheint inexistent, dabei ist klar, dass regensichere Unterkünfte für die hunderttausenden Obdachlosen, die in erbärmlichen Lagern hausen, am dringlichsten sind. Sonst erwartet Haiti wohl eine Typhus- und Choleraepidemie, denn bald beginnt die Regenzeit.

 

Was tun mit den Millionen?

Der türkische Botschafter sagte nach einem Gespräch mit Präsident Préval, die Türken würden eine Million Dollar spenden, mit der Haiti eine Schule, ein Spital oder sonst ein Amtshaus sanieren könne. Auf die Frage, was die Regierung mit dem Geld machen wolle, antwortete Ministerin Lassègue, dass die Regierung das selbst noch nicht so genau wisse.

Die nahezu einzige Maßnahme, die man verkünden konnte, ist das „Cash for Work“-Programm – das aber die UNO initiiert hat. Für 185 Gourdes (ca. fünf Dollar) pro Tag werden Menschen fürs Aufräumen engagiert. Es seien, so Lassègue, bereits 27.000. Auf den Straßen erkennt man sie stellenweise an ihren gelben T-Shirts, aber in einer Millionenstadt, wo jeder auf der Straße zu sein scheint, fallen sie kaum auf.

 

Spotten übers Straßenkehren

Die Maßnahme stößt auch nicht auf ungeteilte Begeisterung: „Unser Präsident wird gefragt, was jetzt das Wichtigste sei, und das Einzige, was ihm einfiel, war, dass die Leute die Straßen kehren sollen,“ spottet die haitianische Autorin Emmelie Prophète: „Das kann man sich nur damit erklären, dass er noch unter Schock stand.“

Prophète, deren Roman „Das Testament der Einsamen“ im Herbst auf Deutsch erscheint, leitet eine Untersektion des Kulturministeriums, die „Direction Nationale du Livre“. Doch auch diese Behörde, deren Gebäude zerstört ist, bekam vom Ministerium von Frau Lassègue keine Anweisung, wie es weitergehen soll: „Das ist der völlige Blackout. Sie ist Kommunikationsministerin, aber sie kommuniziert nicht mehr“, sagt Prophète, die nun selbst nach Räumen für ihre Behörde sucht.

Ihr Gatte Jean Euphèle Milsé, ebenfalls Autor und Archivar, hat mit Studenten das aus den Trümmern geborgen, was aus den Archiven des Außenamts zu retten war. Das Beben löschte auch große Teile der Erinnerung Haitis.

„Die Leute haben sich schon vor dem Beben nicht auf den Staat verlassen“, sagt die 38-Jährige. Daher werde man auch nie die genaue Opferzahl erfahren: Die offiziellen Zahlen seien alle geschätzt.

 

Die besseren Klassen gehen

Seine Angestellten kann der Staat nun auch nicht bezahlen, keiner bekam am 1. Februar sein Gehalt. Das ist heikel, denn der Staat ist der größte Arbeitgeber, und seine bestqualifizierten Kräfte droht er durch das Beben zu verlieren. Viele starben in einstürzenden Amtsgebäuden, viele verschwanden danach. „Die Eliten und die Mittelklasse, fast alle, die sich's leisten konnten, flohen ins Ausland oder in die Provinz“, sagt Prophète. Ob sie zurückkehren und beim Wiederaufbau mitmachen, ist zweifelhaft.

Das Land ist durch die Katastrophe nochmal zusätzlich verarmt. „Künftig gibt es ein Haiti vor und ein Haiti nach dem 12. Jänner.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2010)