Rumänien: Der Lockruf des Karpaten-Goldes

(c) Thomas Roser
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Der Konflikt um Europas größte Goldmine ist neu entbrannt. Ein Dorf soll abgerissen werden, dafür winken neue Jobs.

Rosia Montana.Unten im Tal triefen Eiszapfen von den Dachtraufen verlassener Bergarbeiterhütten. Umweht vom kalten Wind über den Anhöhen von Rosia Montana skizziert Calalin Hosu mit weiten Armbewegungen die Zukunft der entvölkerten Zechenstadt. Für die größte Goldmine Europas sollen die nahen Karpatengipfel abgetragen und die angrenzenden Täler mit Schutt gefüllt werden, erklärt der Sprecher der „Rosia Montana Gold Corporation“ (RMGC) fröstelnd.

Auf sieben bis acht Mrd. Dollar beziffert der Rumäne den Ertrag der 300 Tonnen Gold und 1600 Tonnen Silber, die sein Arbeitgeber zu fördern hofft. Zweifel an der Verwirklichung des Projekts hegt er keine: „Wir sind zu 100 Prozent überzeugt, dass wir die Genehmigung erhalten.“

Bei manchen sorgt das Projekt eher für Entsetzen denn für Begeisterung. „Sie haben gesagt, sie wollen die Ortsgemeinschaft wiederbeleben, aber sie haben sie total zerstört“, sagt der Landwirt Eugen David, der selbst 14 Jahre in der Mine gearbeitet hat. Hoffnung auf eine Neubelebung des Bergbaus durch den RMGC-Konzern hegt er keineswegs. Er ist überzeugt: „Dieses Projekt kann nur unter Bruch aller Gesetze verwirklicht werden.“

Schon die Römer schürften in dem 110 Kilometer südlich von Klausenburg gelegenen Karpatental Gold. Unter Maria Theresia entwickelte sich Rosia Montana, zu Deutsch „Goldbach“, im 18.Jahrhundert zur einträglichsten Goldgrube der Habsburger-monarchie. Der im sozialistischen Rumänien eingeführte Tagebau erwies sich nach der Wende als wenig profitabel: 2006 wurde die defizitäre Mine der staatlichen Minvest geschlossen. 1997 hatte der Staatskonzern als Juniorpartner der kanadischen Gabriel Resources die RMGC gegründet.

Trotz heftiger Proteste plant der Investor, in einem Tagebau von bislang ungekannten Ausmaß die größten Goldvorräte des Kontinents zu erschließen. Nicht nur 150 Millionen Tonnen Eisenerz, sondern auch der Großteil der ältesten Stadt des Landes soll dem Lockruf des Goldes weichen.

„Eine Mine, keine Konditorei“

Genau zehn Jahre ist es her, dass in der Goldmine Aurul bei der nordrumänischen Stadt Baia Mare der Damm im Auffangbecken des Zyanid-Schlamms brach. 100.000 Kubikmeter der hochgiftigen Brühe ergossen sich in Theiss und Donau und sorgten für das bisher größte Fischsterben in Osteuropa.

Obwohl RMGC den Einsatz von jährlich 5000 Tonnen Zyanid zur Auswaschung des Goldes plant, schließt Pressesprecher Hosu eine Wiederholung der Katastrophe resolut aus: „Natürlich ist eine Mine eine Mine – und keine Konditorei. Aber es werden absolut alle nationalen und EU-Richtlinien erfüllt.“

Bukarest hatte auf Druck der örtlichen Justiz und der EU die Umweltverträglichkeitsprüfung für das umstrittene Projekt wegen zahlreicher Unzulänglichkeiten ausgesetzt. Doch seit der Vereidigung der neuen Regierung im Dezember wittern die Investoren wieder Morgenluft, und das nicht nur wegen des angezogenen Goldpreises. „Wir wollen das Projekt so rasch wie möglich beginnen,“ kündigte Wirtschaftsminister Adrieanu Videanu an.

Das wünscht sich auch der frühere Bergarbeiter Stefan Oprisa. Seit der Schließung der Mine sei das Leben „eintönig und arm“ geworden. 85 Prozent der Bewohner seien arbeitslos – und 95 Prozent von ihnen für die neue Goldmine, versichert er. In jedem anderen Land werde ein Investor auf „Händen getragen“, nur in Rumänien werfe man ihm Knüppel vor die Beine: „Bergbau ist unsere Tradition. Wir wollen endlich Arbeit. Die Mine ist für uns die einzige Lösung.“

Aber nicht nur die Schließung der letzten staatlichen Zeche vor vier Jahren hat den Exodus aus der einst 3500 Einwohner zählenden Gemeinde beschleunigt. Über 80 Prozent der abzureißenden Häuser hat die RMGC bereits aufgekauft. Er habe keine Zweifel, dass sich auch die letzten Familien noch zum Verkauf ihres Besitzes bewegen ließen, sagt Hosu: „Ich habe hier schon viele erlebt, die erst sagten: schert euch zum Teufel – und später froh waren, uns ihr altes Haus verkaufen zu können.“

Die Mine werde bei den zweijährigen Bauarbeiten 2300 Arbeitsplätze schaffen und nach Betriebsbeginn 16 Jahre lang 800 Mitarbeiter beschäftigen, verspricht der Firmensprecher.

Sollte die RMGC an den Gesetzen vorbei die Betriebsgenehmigung erhalten, werde ein „gefährlicher Präzedenzfall“ geschaffen, glaubt hingegen ein Umweltschützer, der „noch mehr klaffende Wunden in der Landschaft“ befürchtet: „Es liegen hier noch mehr Goldkonzerne mit ähnlichen Projekten auf der Lauer.“

Bauer Eugen David ist entschlossen, seinen Besitz nicht zu verkaufen – wie 78 weitere ansässige Familien, erzählt er. Im Ort herrsche eine „Stimmung wie zwischen Amerika und Russland im Kalten Krieg“. Pessimistisch sei er nicht. Zehn Jahre schon sei es der Firma trotz immenser Investitionen nicht geglückt, die Mine zum Laufen zu bringen. Seine Hoffnung ist, dass sie die Geduld verliert und aufgibt: „Wir verlieren ja kein Geld, die anderen machen mit jedem Tag des Wartens Verlust.“ Bei der Frage, ob ein kleiner Bauer die größte Goldmine Europas verhindern könne, zuckt er trotzig mit den Schultern: „Wenn ich nicht daran glauben würde, hätte ich längst aufgegeben.“

Auf einen Blick

Ein kanadischer Konzern plant in Rumänien die größte Goldmine Europas. Bisher verzögerten Proteste von Umweltschützern das Projekt. Die neue rumänische Regierung will aber bald grünes Licht geben. Einige Bewohner des Dorfes Rosia Montana wehren sich standhaft gegen ihre Absiedlung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2010)

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