Wenn Thomas Fritz durch die Stadt spaziert, dann fällt ihm viel mehr auf als noch vor einigen Jahren: neue Graffitis auf Serbisch, Englisch oder Türkisch hier, Pickerl dort, Schilder und Zettel in unterschiedlichsten Sprachen.
„Mein eigener Blick hat sich verändert“, sagt der Leiter des Lernraums der Wiener Volkshochschulen, der in den vergangenen drei Jahren für das Projekt „Linguistic Landscapes“ sozusagen kartografiert hat, welche Sprachen in Wien im öffentlichen Raum präsent sind.
„Der Blick wird neugierig“, erzählt er. „Das wäre auch mein naiv-politisches Anliegen: Dass man mit mehr Neugier durch die Stadt geht, dass man diese Vielfalt nicht gleich erschreckend findet, sondern einfach interessant.“ Es gibt jedenfalls einiges, was die Neugierde wecken kann: Die 55 Bilder von Schildern, Graffitis und mehr, die ab heute in der VHS Ottakring ausgestellt werden, sind nur ein Bruchteil jener, die unter der Leitung von Fritz und Dilek Tasdemir gesammelt wurden. Insgesamt haben sie auf mehr als 6000 Fotos dokumentiert, was in der Stadt alles geschrieben wird – Deutsch, Türkisch, Arabisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch oder Chinesisch.
Begonnen hat alles vor etwas mehr als drei Jahren im türkischen Marmaris am Strand, wie Fritz erzählt: Dort las der Sprachwissenschaftler, der auch an der Uni Wien lehrt, ein Buch des belgischen Soziolinguisten Jan Blommaert, der zu Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum und Machtverhältnissen arbeitet. „Ich mir gedacht: So etwas will ich auch machen“, sagt Fritz nach einem Rundgang über den Yppenplatz, wo auf der Hinterseite eines Lokals in diversen Sprachen via Graffiti politische Auseinandersetzungen geführt werden: das (übersprayte) Serbische Kreuz, darunter „Smrt Fašizmu“ (Tod dem Faschismus), daneben „Keine Nation“ und „Fuck Antifa“.
Der Brunnenmarkt und die Umgebung war auch die erste Gegend, in die Fritz und Tasdemir drei Studenten schickten. „Da wurden dreieinhalbtausend Fotos gemacht“, sagt die Soziolinguistin. Von Geschäften, die ihre Waren auch in anderen Sprachen anpreisen, die ihr Gemüse in einer Melange aus Sprachen beschriften, von Pickerln und Plakaten, die auf Events hinweisen bis zu Fußballslogans, die durchaus politisch sind. Die Bilder zeigen auch, wie sich die Communities verändern, die diese Gegend in Ottakring frequentieren: Der Fischhändler, der seine Ware stets auf Türkisch und Deutsch ausgeschildert hatte, hat unlängst einen Zettel auf Arabisch dazugehängt: um unter seinen syrischen Landsleuten zu werben. Ein Mitarbeiter eines Fleischers hat Informationen auf Dari hingehängt: für die Afghanen, die hier zunehmend einkaufen.
„Motoren der Mehrsprachigkeit“
„Märkte sind dynamische Motoren der Mehrsprachigkeit“, sagt Fritz. „Es sind Orte, wo Mehrsprachigkeit gewissermaßen anarchisch wächst.“ Daher sind sie für die Kartografie der Mehrsprachigkeit auch besonders interessant. Je nachdem finden sich da (nach Deutsch)unterschiedliche Sprachen. In einem Eck in Wieden sind es Chinesisch, Thai, Koreanisch. In Ottakring Türkisch, Arabisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch. Am Meidlinger Markt, der schon eher gentrifiziert ist, mehr Englisch, Spanisch, Französisch.
„Überall dort, wo Begegnung stattfindet, ist Mehrsprachigkeit vorhanden“, sagt Fritz. „Das ist etwas ganz Selbstverständliches. Uns ist auch ein Anliegen, das zu transportieren.“ Hat man einen neugierigen Blick auf diese sprachlichen Phänomene, macht man mitunter auch komische Erfahrungen. In Favoriten etwa hing an einem Café lang ein Zettel mit dem Titel „Danke Wien“ und einem Text auf Arabisch. Nach einiger Zeit, in der sich Fritz fragte, was das wohl sein könnte, kam die deutsche Version dazu: Es war das Angebot eines Friseurs.
AUF EINEN BLICK
Thomas Fritz und Dilek Tasdemir haben in Wien gemeinsam mit Studierenden mehrsprachige Schriftzüge untersucht – und auf insgesamt 6000 Bildern dokumentiert.
Ein Teil der Fotos war bisher in der Volkshochschule Brigittenau zu sehen. Heute, Mittwoch, wird die Ausstellung in der VHS Ottakring eröffnet. Die Bilder sind bis 29. März ausgestellt. Ludo-Hartmann-Platz 7, 1160 Wien, 9-20.00 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2018)