Das Beste an der Kunstmarktkrise war, nicht mehr wöchentlich neue Listen von Rekordpreisen abdrucken zu müssen. Rekord hier, Rekord da – der Gipfel des lächerlichen Wettbewerbs einiger Casinomogule, Banker und Erben war 2006 erreicht. Kunst schien zum neuesten Flatscreen mutiert, das männliche Messen kulminierte in zwei (über Auktionshäuser vermittelten) „Privatverkäufen“, Klimts „Goldene Adele“ (an Ronald Lauder um 135 Mio. Dollar) und Jackson Pollocks „Dripping Nr. 5“ (für das Hedgefondmanager David Martinez angeblich 140 Mio. Dollar blechte).
So what. Oh nein! Schlagzeile! Neue Liste! Was kostet wie viel, und wer profitiert warum? Menschen, die sich tagein tagaus mit genannten Wirtschaftsskandalen und drögem Politik-Hickhack beschäftigen, empfinden sichtlich Genugtuung dabei, wenn die Kultur sich ebenfalls mit banalen Realitäten beschäftigen muss.
Und dann kam die Krise. In Künstlern, Galeristen, Kritikern glomm die Hoffnung, dass sich irgendwer wieder für Inhalte interessieren würde... Adiós. Donnerstag schrillte das Rekord-Gequietsche aus dem Mail-Eingang: neues „teuerstes Kunstwerk“, ein „Schreitender“ von Giacometti, verklopft von der Commerzbank Mittwoch in London um 65 Mio. Pfund (104,3 Mio. Dollar). Blickt man genauer hin, ist es nicht das teuerste Kunstwerk der Welt, sondern das teuerste, das in einer Auktion verkauft wurde. Aber wer will Details? Außerdem hat es den seit 2004 führenden „Jungen mit Pfeife“ Picassos (104,2 Mio.) nur in der Kommastelle überholt – ein leicht zu kalkulierendes Spiel mit den Wechselkursen.
So what? Oh nein! Wir haben noch populär-patriotisch einen Heimrekord zu feiern: Klimts „teuerste Landschaft“! Tatarata! 26,9Mio. Pfund schwer. Dagegen ist eine Oscarnominierung doch ein Klacks, oder?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2010)