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Schuldenkrise: "Sorge vor Flächenbrand in der Eurozone"

(c) REUTERS (© Susana Vera / Reuters)
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Neben Griechenland machen auch Portugal und Spanien internationale Investoren nervös. Risikoaufschläge für Anleihen steigen, der Euro fällt weiter. "Spanien ist der eigentliche Krisenherd", sagt Nobelpreisträger Krugman.

Die europäischen Börsen setzten am Freitag die Talfahrt des Vortages fort - sie starteten einheitlich im Minus. "Die Anleger fragen sich, wie die Staaten diese hohen Defizite refinanzieren können", fasste ein Händler zusammen. Der Madrider Leitindex IBEX musste mit minus 3,2 Prozent den größten Verlust in Europa hinnehmen. An der Athener Börse brach der Leitindex um bis zu 3 Prozent ein und notierte damit auf dem Niveau vom April 2009. In Lissabon fiel das Börsenbarometer um bis zu 2,7 Prozent.

Zudem sank der Euro am Freitag erstmals seit Mai 2009 wieder unter die Marke von 1,37 US-Dollar: Die europäische Gemeinschaftswährung war kurzzeitig 1,3649 Dollar wert.

Der Grund: Viele Investoren fürchten sich vor Turbulenzen im Euroland. Sorgenkinder sind neben Griechenland vor allem Portugal und Spanien.

Angst vor "Dominoeffekt"

"Die Sorge vor einem Flächenbrand in der Eurozone besteht fort", bringt es der Devisenexperte Andreas Ertl vom Bankhaus M.M. Warburg & Co auf den Punkt. Nach dem Finanzdesaster in Griechenland hätten viele Marktteilnehmer nun Angst, dass das Gleiche auch mit Spanien und Portugal geschehen könnte, schreibt "Welt Online". Daran konnten auch die Worte von Jean-Claude Juncker, dem Präsidenten der Euro-Gruppe nichts ändern. "Sie stellen kein Risiko dar", sagte er am Donnerstag.

"Die Angst in Europa greift um sich. Die Verschuldungsproblematik könnte einen Dominoeffekt nach sich ziehen", sagt auch Toshiya Yamauchi, Währungsstratege bei Ueda Harlow in Tokio, laut "Financial Times Deutschland". Ein Devisenmarktanalyst der Commerzbank zieht im "Handelsblatt" den Vergleich zur Pleite von Lehman Brothers im September 2008: "Im Gegensatz zur Bankenrettung letztes Mal gibt es jetzt unter Umständen keine Institution, die stark genug wäre, einzuspringen." Nach dem Lehman-Kollaps hatten die Notenbanken weltweit die Märkte mit Liquidität geflutet, um einen noch größeren Konjunktureinbruch zu verhindern.

EU schaut auch Portugal, Spanien und Ungarn auf die Finger

Die EU kündigt erste Konsequenzen an. Die EU-Kommission will nicht nur Euro-Sorgenkind Griechenland, sondern auch Portugal, Spanien und Ungarn beim Haushalt auf die Finger schauen. "Wir beobachten die Situation sehr genau", sagte eine Kommissionssprecherin am Freitag.

"Wir kommentieren aber nicht die täglichen Bewegungen an den Märkten", sagte die Sprecherin von Währungskommissar Joaquin Almunia.

Anleger misstrauen Portugal

Das Misstrauen der Anleger gegenüber Portugal ist am Anleihenmarkt weiter gewachsen. Am Donnerstag stieg der Rendite-Aufschlag (Spread) der zehnjährigen portugiesischen Staatsanleihen gegenüber den deutschen Bundesanleihen um bis zu 30 Basispunkte auf 175 Basispunkte und damit den höchsten Wert seit der Gründung der Euro-Zone. Eine Staatsanleihe mit einem geplanten Volumen von 500 Millionen Euro musste auf 300 Millionen Euro reduziert werden, weil es für den portugiesischen Staat immer teurer wird, Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen. Hinzu kommt: Die Staatsverschuldung dürfte heuer auf 85,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen - nach 76,6 Prozent 2009.

Zur Beruhigung trägt auch nicht bei, dass Portugals Opposition den strikten Sparplänen der Regierung vorerst einen Riegel vorgeschoben hat. Der portugiesische Finanzminister Fernando Teixeira dos Santos warnte vor schwerwiegenden Folgen für den Haushalt des hoch verschuldeten Euro-Landes: "Wir könnten in diesem kritischen Augenblick kein schlechteres Signal senden". Die Entscheidung schade zudem der Glaubwürdigkeit Portugals an den Finanzmärkten.

Nagelprobe im portugiesischen Parlament

Teixeira dos Santos kündigte an, den Vorstoß mit allen rechtlichen und politischen Mitteln stoppen zu wollen. "Es gibt im Leben Grenzen, die wir nicht überschreiten können. Dies ist eine von ihnen", sagte Teixeira dos Santos in einer Fernsehansprache. Regierungschef Socrates versuchte am Donnerstagabend noch einmal, den Chef der größten Oppositionspartei, Manuela Ferreira Leite, umzustimmen.

Am Freitag kommt es zur Nagelprobe im Parlament: Die Oppositionsparteien wollen es den zu Portugal gehörenden Inseln der Azoren und Madeira gestatten, weitere Schulden anzuhäufen. Das würde in den nächsten vier Jahren ein 400-Millionen-Euro-Loch in den Sparhaushalt reißen. Die Opposition verfügt über genügend Abgeordnete, um diesen Vorschlag im Parlament durchzubringen.

"Spanien ist der eigentliche Krisenherd"

Das nächste große Sorgenkind innerhalb der EU dürfte aber Spanien werden. Das Land könnte eine größere Gefahr für die Stabilität der Euro-Zone sein als Griechenland. "Der eigentliche Krisenherd ist nicht Griechenland, sondern Spanien", betonte auch Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman in seinem "New York Times"-Blog "The Conscience of a Liberal".

Die Warnsignale sind eindeutig. Spanien kommt nicht aus der Rezession, wie am Freitag bekannt wurde: Im vierten Quartal 2009 schrumpfte die Wirtschaft des Landes um weitere 0,1 Prozent, wie die Bank von Spanien mitteilte. Zwar hat die spanische Staatsverschuldung noch keine griechischen Ausmaße angenommen. Die spanischen Finanzen müssen also noch nicht unter EU-Aufsicht gestellt werden. Doch die spanische Wirtschaft ist viereinhalbmal so groß wie die griechische. Zudem wird Spanien - glaubt man dem IWF - als einziges größeres Land in der EU 2010 kein Wachstum erzielen. Mit vier Millionen Arbeitslosen wurde eine historische Rekordhöhe erreicht.

"Sie verlieren an Wettbewerbsfähigkeit"

Nicht einmal der spanische EU-Währungskommissar Joaquín Almunia kann momentan Optimismus versprühen. "Diese Länder (Spanien, Portugal, Griechenland, Anm.) haben trotz unterschiedlicher Ausgangsbedingungen ähnliche Probleme", zitiert "Welt Online" Almunia. "Ihre Volkswirtschaften verlieren seit Beginn der Währungsunion permanent an Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem weisen diese Staaten ein beträchtliches Haushaltsdefizit auf."

(Ag./phu)