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So schön anders: Häuser, die sonst keiner hat

Architekturprojekte. Was geht, wenn man neu denken und/oder richtig umschichten darf.

Sie sind anders: Architektenhäuser spiegeln die ganz persönlichen Wohnvorstellungen der Bauherren wider, erfüllen Träume, wenn sie gebaut werden und gelten als kleiner Albtraum beim Wiederverkauf. Zumindest dann, wenn man einen Käufer sucht, dem die individuellen Details genau so viel Wert sein sollen wie dem ursprünglichen Besitzer. Aber daran muss man bei neuen Objekten erst einmal nicht denken: Sie sind einfach spannende Bereicherungen für die Stadt, in denen das Träumen in Schönheit erlaubt ist.

 

Beachhouse am Berg

Im „Beachhouse“ von Alexander Diem ist alles außergewöhnlich. Das beginnt schon damit, dass sein Domizil mitten in einem Wiener Weinberg steht – und sich damit zumindest was die Aussicht angeht, fundamental von den Klassikern der Kategorie unterscheidet. Auch der Ausgangspunkt für das gesamte Bauwerk ist kein gewöhnlicher: Statt um die Idee von drei Zimmern, Küche, Bad – beziehungsweise dem modernen Luxus-Äquivalent vom offenen Wohn-Ess-Kochbereich plus drei Schlafzimmern mit En suite-Bädern – wurde das Beachhouse rund um eine Skulptur entworfen. Das drei Meter hohe, rosarote Kunstwerk von Franz West stand zuvor im Garten, sollte auf Wunsch der Bauherren aber integraler Bestandteil des Hauses werden. Als solches dient sie nun als Verbindungselement der beiden Baukörper. Hier kommen alle Elemente des Hauses zusammen und sorgen dafür, dass die Wege zwischen den einzelnen Räumen relativ kurz bleiben. Womit auch der Wunsch der privaten Bauherrenschaft erfüllt wurde, „dass die Sauna im Untergeschoß vom Wohnzimmer nur gefühlte zehn Meter entfernt sein sollte.

Zu den Bewohnern des Hauses gehören Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, Erwachsene und Kinder, die sich in der zentral gelegenen Küche begegnen, von der aus sich die privaten Bereiche über das Haus verteilen. Ein Element, das sich überall findet, ist aber die namensgebende Liebe zum Meer und die damit verbundene Farb- und Formensprache: Dazu gehört unter anderem die blau verflieste Sockelzone genauso wie die Gebäudehülle aus weiß lackiertem Holz, die fließend in eine Außenstiege aus pulverisiertem Stahl übergeht und für die weichen Wellenformen in den Weinbergen sorgt. Auch wenn der Blick von der Dachterrasse aus in den Garten und die Gasse statt aufs Meer hinausgeht.

 

 

Modernes Gesindehaus

smartvoll Architekten verwandelten ein altes Kutscherhäuschen in ein modernes Design-Objekt.
smartvoll Architekten verwandelten ein altes Kutscherhäuschen in ein modernes Design-Objekt.(c) smartvoll, manfred seidl

Dass große Würfe gerade auch auf kleinstem Raum gelingen können, hat smartvoll-Architekt Philipp Buxbaum in einem Hinterhof beim Museumsquartier gerade gezeigt. In absoluter Toplage hinter der Ziegelhalle verwahrloste hier ein ehemaliges Kutscherhäuschen, das „in wirklich desolatem Zustand“ war, aber vom Dach aus einen grandiosen Blick über das Kunsthistorische und Naturhistorische Museum bietet. Einst waren hier unten die Pferde eingestellt und darüber der Kutscher sowie das Futter untergebracht; im Vorjahr wandte sich das Besitzerehepaar mit der Frage „Was man da machen könne?“ an das Architekten-Team. Die erste Idee war, auf den 35 Quadratmetern Wohnfläche im Obergeschoß ein Vorzimmer, eine Küche und ein Schlafzimmer unterzubringen – was sich nach den ersten Planungen als keine gute Idee herausstellte. Stattdessen überzeugte Buxbaum die Bauherren, sich auf ein Einraumkonzept einzulassen, in dem das Leben rund um ein eigens entworfenes Multifunktionsmöbel stattfindet. Gleichzeitig als Bett, Couch und Tisch dienend, steht es nun in der Mitte der Raumes und lässt genug Platz, um es umrunden zu können. An den Wänden versteckt sich hinter einer modern glänzenden weißen Oberfläche, die nahtlos in den Küchenblock übergeht, nicht nur Stauraum, sondern auch ein kleines Bad; außerdem gibt es noch einen Vorraum und ein separates WC. Und einen Balkon, der aus dem kleinen Apartment eine große Sache macht: Die Glastüren zu der vor die Wohnung gesetzten Freifläche lassen sich dank einer speziellen Konstruktion auf 3,50 Breite komplett aufschieben, womit der Balkon zumindest im Sommer zu zusätzlichem Wohnraum wird. Zumal er durch eine Lamellenwand abgeschirmt ist, die zwar viel Licht, aber nicht gar so viele Blicke der Nachbarn hereinlässt. Und ein Unikat in Wien ist, denn als Buxbaum bei der Baubehörde nachfragte, ob es neben der Mindesthöhe für Geländer auch eine maximale gibt, lautete die überraschende Antwort „nein“. Weshalb es nun in stolzer Höhe als architektonisches Element das einstige Gesindehaus zu einem modernen Prachtstück gemacht hat.

 

Ausblick im Blick

Najjar & Najjar Architekten setzten bei Haus B auf viel Glas.
Najjar & Najjar Architekten setzten bei Haus B auf viel Glas.(c) Manfred Seidl.

Von Anfang an eine Villa war dagegen das Haus aus den 1960er-Jahren, dem Najjar&Najjar Architekten jetzt am Wiener Stadtrand wieder zu neuem, eigenständigem Glanz verholfen haben. Ihr Haus B wurde innen wie außen komplett umgeschichtet, wobei sich alles um den Ausblick drehte. Der hier wirklich beeindruckend ist und an klaren Tagen über das Wiental im Nordosten, das Alpenvorland im Süden und das ungarisch-slowenische Grenzland im Osten reicht. Dem wurde mit einem vollkommen neuen Dachgeschoß Rechnung getragen, das von drei Stützen getragen eine Rundum-Glasfassade bekam, die einen 360-Grad-Blick von der obersten Etage möglich macht.

Aber nicht alles an dem in der Vergangenheit mehrmals mit mäßigem Ergebnis umgebauten Haus wurde mit der Rezeptur Glas, Glas und nochmal Glas gestaltet. Vielmehr ging es den Architekten darum, eine zeitgenössische Villa zu gestalten, die von der Differenziertheit lebt, wie sie erklären. „Wir wollten das relativ große Haus und die Vertikalität des bestehenden Blicks neu strukturieren“, betont Rames Najjar. „Die Sockelzone wird durch den Naturstein betont, nach oben wird das Haus immer transparenter.“ So trenne der Schlafbereich als getöntes Glasband das Erdgeschoß vom aufgesetzten Wohnbereich. In dieser Sockelzone und im ersten Obergeschoß finden sich die Schlafräume und der Wellnessbereich, von denen aus man dank der Hanglage auch in den Garten und zum Pool gelangt. Im aufgesetzten, auskragenden Obergeschoß dominiert dann jede Menge Leichtigkeit und Weitblick, ehe man über eine offene Treppe das oberste Stockwerk erreicht, das „wie ein Pavillon auf dem Haus thront.“ (SMA)

AUF EINEN BLICK

Eine Strandvilla im Weinberg, eine coole Gesindewohnung in Einserlage und ein Haus aus den 1960er-Jahren, das elegant den Weg ins 21. Jahrhundert gefunden hat: Spannende Architekturprojekte gibt es in und um Wien immer wieder. Dazu braucht es neben guten Architekten vor allem Bauherren mit Mut, die nicht mit einem Auge schon auf den Wiederverkaufswert schielen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2018)