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Langlauf

"Hattigucki": Wer sich in einer Loipe verirrt

Langlaufen ist ein Naturschauspiel. Wer aber die falsche Loipe nimmt wie Teresa Stadlober (im Bild ganz hinten), läuft in ein Drama.
Langlaufen ist ein Naturschauspiel. Wer aber die falsche Loipe nimmt wie Teresa Stadlober (im Bild ganz hinten), läuft in ein Drama.(c) APA/AFP/ODD ANDERSEN
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Teresa Stadlober war im 30-km-Rennen auf Medaillenkurs, dann bog die Salzburgerin aber falsch ab. Marit Bjørgen fand den Weg ins Geschichtsbuch.

Langlaufrennen sind immer Entertainment. Man steht neben der Loipe im Wald, bewundert Athleten und Fans, das Idyll in der Natur. Langlaufen kann aber auch ein TV-Spektakel sein, vor allem dann, wenn Alois Stadlober als Ko-Kommentator im Einsatz ist. Der Loipen-Guru ist ein Experte, ihm macht keiner etwas vor. Läuft aber die von ihm betreute Tochter Teresa, sind natürlich gleich noch mehr Emotionen beim Doppelstockeinsatz dabei. So auch beim Klassiker über 30 Kilometer im klassischen Stil, dem grande Finale dieser Winterspiele.

Die 25-Jährige war unterwegs zu einer Sensation, der ersten Olympiamedaille für Österreichs Langläuferinnen. Nur die Norwegerin Marit Bjørgen lag vor ihr. Doch rund neun Kilometer vor dem Ziel bog die Salzburgerin nach einer Abfahrt plötzlich falsch ab. Sie verirrte sich in der Loipe, dieses unfassbare Blackout kostete sie mehr als eine Minute und alle Medaillenhoffnungen.

Analyse mit Kultcharakter

Und den Vater? Er war fassungslos, suchte aufgeregt nach Worten und wurde zum YouTube-Star. Der O-Ton: „Sie ist sich verlaufen, da ist irgendwas passiert. Teresa, du bist falsch! Sie ist falsch gelaufen, sch . . . verdammte Hütte noch einmal. Wo ist die denn hingelaufen jetzt? Hattigucki noch einmal. Alles aus – mein Gott na. Ich habe mir gedacht, das gibt es ja gar nicht, dass sie so daherkommt, allein. Das ist jetzt bitter. Nein, alles kann passieren, aber das nicht. Wie gibt es das? Das ist unvorstellbar. Das wollte der Herrgott nicht.

Teresa Stadlober kam als Neunte (+4:14,1 Min.) ins Ziel.

Das Rennen hatte perfekt begonnen, mit dem von ihr geliebten Massenstart. Da habe sie, so der Vater, alle in Blickweite, könne mithalten, müsse nichts und niemanden fürchten, weil man das ja geübt habe. Die Skier schienen grandios präpariert, die Radstädterin bildete gemeinsam mit Charlotte Kalla, der später zweitplatzierten Krista Pärmäkoski und Kerttu Niskanen (beide Finnland) die Verfolgergruppe hinter Bjørgen, die zur achten Goldmedaille bei Olympia laufen sollte und damit endgültig zur erfolgreichsten Wintersportlerin der Sportgeschichte wurde.

Kalla fiel nach dem Skiwechsel zurück und Stadlober erhöhte gekonnt das Tempo an der Spitze der Verfolgerinnen. Plötzlich fand sie sich ganz allein, „die Finninnen sind zurückgefallen“, sagte sie.

Dann geschah dieser kuriose Fauxpas: eine kurze Abfahrt, bei zwei Loipen nebeneinander ist sie statt nach links nach rechts abgebogen. Sie hörte auch die Schreie des herbeieilenden ÖSV-Direktors, Markus Gandler, nicht, lief weiter. „Bis ich einen Volunteer gesehen habe, der sich wohl auch verlaufen hatte. Dann drehe ich mich um und sehe: falsch gelaufen . . . Ich bin so enttäuscht, es wäre mein Tag gewesen. Mein großer Tag.“

Frage der Ortskenntnis

Die fehlende Streckenkenntnis jedoch irritiert, es gibt doch Laufbänder, auf denen die jeweiligen Profile eingespielt und vor einem Großevent auch mehrmals gelaufen werden. Ob sie nur die 7,5-km-Schleife von Alpensia kannte?

Solche Fehler passieren, selbst Superstars wie Heidi Weng nahmen schon die falsche Ausfahrt (in Kuusamo). Fehler passieren, auch in anderen Sportarten. Biathlet Christoph Sumann vergaß in Salt Lake City 2002 auf eine Strafrunde; für die Loipenfamilie war das nur ein schwacher Trost.

Andererseits: Jetzt hat Stadlober senior den endgültigen Beweis dafür, dass die Arbeit mit der Tochter in die richtige Richtung läuft, Teresa die Ausnahme bei zumeist skandinavisch-internationalen Meisterschaften sein kann, der eigentliche Wunsch, bei der Heim-WM 2019 eine Medaille zu gewinnen, keine Illusion ist. Einziger Haken: Just dann wird dieses Rennen im Skatingstil gelaufen. 30 Kilometer im klassischen Stil werden bei Winterspielen auch erst in acht Jahren wieder gelaufen. Vielleicht finden diese Spiele ja in Graz/Schladming statt – dann hätte Teresa Stadlober zumindest den Vorteil der Ortskenntnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2018)