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Die Politik gegen den ORF: Ein Drama in sieben Akten

Kritische Medien sind unangenehm – aber alles andere viel schlimmer. Hoffentlich merkt das die Politik, ehe sie den öffentlich-rechtlichen Journalismus zerstört.

Erster Akt. Das Politikerleben ist hart. Man ist stolz auf eine Idee – doch man kommt damit in den Medien nicht vor. Oder umgekehrt: Man macht eine belanglose Bemerkung, und sie wird medial rauf- und runtergespielt. Das empfindet man als unfair. Bei unabhängigen Medien kann so etwas jederzeit vorkommen. Sie sind halt nicht dressiert. Sie apportieren nicht sofort, wenn man ein Hölzerl wirft, und halten sich nicht an die „Message Control“, die sich die Parteizentrale ausgedacht hat. Wenn es ganz böse kommt, setzt man sich hoffnungsfroh ins „ZiB“-Studio und wird von einem akribisch vorbereiteten Armin Wolf in die Mangel genommen. Das ist unangenehm.

Zweiter Akt. Regierungspolitiker sind sauer auf den ORF. „Haben wir es wirklich notwendig, uns solchen Demütigungen auszusetzen? Einen Betrieb zu unterstützen, der so gemein zu uns ist? Gehen wir doch einfach nicht mehr hin!“, sagen sie. „Boykottieren wir die Sendungen, damit die Redakteure vor leeren Stühlen sitzen, dann schaut niemand mehr zu. Noch besser: Ändern wir das Gesetz und schaffen die ,Zwangsgebühren‘ ab. Dann kann sich der ORF Armin Wolf nicht mehr leisten, und auch sonst keine Recherchen mehr, und wir haben endlich unsere Ruhe.“

Dritter Akt. Die Politik hofft: „Unsere Anhänger erreichen wir anders ohnehin besser. Auf unseren eigenen Kanälen, via Facebook, können wir mit unseren Fans direkt kommunizieren, ohne lästige Journalisten, die dazwischenfunken. So kommen unsere Botschaften ungefiltert an. Störende Kommentare und Widerspruch können wir dort ganz einfach löschen. Wie verlockend das klingt!“

Vierter Akt. Überall, wo weiterhin professioneller Journalismus stattfindet, gehen Bezahlschranken hoch. Das ist logisch, weil Qualität in der Herstellung etwas kostet, und man sie nicht gratis herschenken kann. Die Politik freut sich: „Das politisch interessierte Publikum, das für geprüfte Informationen Geld zu zahlen bereit ist, wird immer eine kleine Minderheit bleiben und ist deswegen nie wahlentscheidend. Sollen sie in ihren Nischen also ruhig Probleme analysieren und kritische Kommentare schreiben, soviel sie wollen – uns kratzt das nicht. Kriegt ja kaum einer mit.“

Damit sind wir, fünfter Akt, bei einer ähnlichen Entwicklung wie beim Essen: Während wenige für feine, teure Gourmet-Bioprodukte viel Geld ausgeben, wird die breite Masse, die nach der Zusammensetzung der Speisen nicht fragt, mit Gratisjunk vollgestopft. Viele Kalorien, viel Hysterie, viel Lärm um nichts, viel Fett, viel Werbung, viel Abfall und Inhalte unklarer Herkunft. Ob es der Aufklärung oder der Gesundheit guttut, ist egal. Hauptsache, man hat sich billig den Bauch vollgeschlagen.

Sechster Akt. Was auf diesem zerrütteten Medienmarkt schließlich überbleibt, kann man bereits ahnen: Organisationen, die eine eigene politische oder wirtschaftliche Agenda haben. Die von Russland finanzierte Gegenöffentlichkeit (RT, Sputnik) schürt schon seit Jahren mit gezielter Desinformation in Europa Konflikte und hat, wie wir inzwischen wissen, mit Social-Media-Lügen bei Donald Trumps Wahlsieg mitgeholfen. Mit Journalismus hat das alles nichts mehr zu tun. Dennoch wird es angeklickt und munter weiterverbreitet. Weil vielen Medienkonsumenten jedes Gefühl für die Glaubwürdigkeit von Nachrichtenquellen inzwischen abhandengekommen ist. Und weil es keinen guten Journalismus mehr gibt, der die Massen erreicht.

Womit wir, letzter Akt, zum Finale kommen. Jenem Moment, in dem es vielleicht sogar regierenden Politikern dämmert, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk für eine Demokratie eine Bedeutung hat. Dass es gut wäre, wenn inmitten all der Social-Media-Hysterie Anker der Glaubwürdigkeit existieren. Dass ein Armin Wolf vielleicht unbequem, aber am Ende doch ein nützliches Korrektiv war.

Hoffentlich ist es, wenn wir bei diesem Finale anlangen, noch nicht zu spät.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2018)