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Kunsthalle Wien

Was können die Schweine dafür?

In Hendeles Wunderland werden Kinder- (und US-Besatzer-)Träume wahr: Ein in benutzbare Größe aufgeblasenes Spielzeug-Flugauto aus Deutschland 1945.
In Hendeles Wunderland werden Kinder- (und US-Besatzer-)Träume wahr: Ein in benutzbare Größe aufgeblasenes Spielzeug-Flugauto aus Deutschland 1945.(c) Stephan Wyckoff
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Eine so wundersame wie verstörende Ausstellung stellt das Werk der Kanadierin Ydessa Hendeles vor. "Death to Pigs" ist eine große, unheimliche Installation.

Was wissen wir schon? Wann ist jemand Künstlerin, Sammlerin, Kuratorin, Galeristin, Kulturwissenschaftlerin, Aktivistin? Ist das überhaupt wichtig? Die 1948 als Tochter polnischstämmiger Holocaust-Überlebender in Marburg geborene Ydessa Hendeles macht so oder so heftige, abgründig-märchenhafte Installationen, in deren Assoziationsdickicht man sich verlieren kann, und die bisher auch für Wien verloren waren. Die Kunsthalle Wien hat Hendeles, die im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern nach Kanada auswandert ist, jetzt hierher geholt, zeigt ihre erste umfassende Retrospektive überhaupt. Es ist eine der besten, jedenfalls die intensivste Ausstellung, die Nicolaus Schafhausen, hier auch als Kurator begleitend, in seiner Zeit als Direktor bisher verantwortet hat.

Die Geschichte von Hendeles ist nicht linear: Erst setzte sie sich für kanadische Gegenwartskunst ein, führte eine Galerie, eine Kunsthalle, sammelte selbst, war eine große Nummer der internationalen Kunstszene. Aber darauf beschränkte sie sich nicht, sie sammelte nebenbei Ausbildungen, blickt man auf ihre zeilenfüllende Anhäufung akademischer Titel. Sie ist auch Kunsttherapeutin, Kulturwissenschaftlerin, Archivarin – etwa von Tausenden Fotos von Kindern aus den 1940er-Jahren, die Teddybären halten. 2003 stellte sie diese in einer Ausstellung im Haus der Kunst in München aus, in dem sie eine Gruppenausstellung kuratierte. Zwischen die Fotos mischte sie auch drei ihrer Kinderfotos. Verlorene Erinnerungen, verlorene Kindheiten, verlorene Wildheiten von Tier wie Kind. So viele Fragen hier. Man sieht – unberührt kommt man Hendeles nicht aus. Ihre künstlerische Arbeit ist radikal persönlich. Doch dieses Persönliche betrifft uns alle – „Kunst muss an unserem Unterbewussten saugen“, sagte sie damals bei ihrem Künstlerinnen-Coming-out im Haus der Kunst, das Hitler bauen ließ.

In Wien hält sie sich fast schon auffällig heraus mit ihrer Person, bei der Pressekonferenz war sie abwesend, obwohl sie seit Wochen an der Aufstellung ihrer bisherigen Installationen arbeitet. Etwas unsicher steht man dann, einen schweren Vorhang später, im ersten Raum, einem Kämmerchen. Hier beginnt das Einsehen in Hendeles Taktik, hier wartet die erste von vielen rätselhaften Collagen. Vielleicht extra fürs katholische Österreich ausgesucht: Zwei Holzreliefs, ein Bildchen erzählen von der Geschichte des Schweißtuchs der hl. Veronika, auf dem sich Christus' „wahres Gesicht“ abdrückt. Gegenüber stellt Hendeles die Geschichte der Entstehung eines falschen Bildes, das des „Kleinen schwarzen Sambos“, eines berühmten exotistischen englischen Kinderbuches von 1899. Ein Holztisch mit Dingen, die einem in diesem Zusammenhang wie ideologische Folterwerkzeuge erscheinen, trennt die beiden: eine übergroße Sicherheitsnadel (ein altes Handelszeichen), ein Teigrad, eine abgewetzte schwarze Kindermaske.

 

Können wir Künstlerkritik annehmen?

Können wir diese historischen kolonialistischen Stereotype überhaupt noch ohne schlechtes Gewissen betrachten? Können wir dieses vorgewusste schlechte Gewissen, das uns Künstler heute so gerne servieren, überhaupt noch für uns nutzen? Oder haken wir es sozusagen beim Wegschauen schon als „postkolonialistische Kritik“ ab? Hendeles macht uns das schwer. Sie trifft uns dort, wo es wehtut, bei der Kindheit. Ihr Arbeitsmaterial sind Märchen, Puppen, Spielzeug. Das zieht sich durch diesen fantastischen Parcours voll Schrecken und Staunen. Wir kommen an 150 Gliederpuppen vorbei, die zum Teil in Schulbänken sitzen und zu Debussys „Golliwogg Cakewalk“ zu zucken scheinen. Für Nachgeborene ein unbekanntes Universum – die ebenfalls ausgestellte Golliwogg-Geschichte ist eine Art englisches Pendant zur Zehn-kleine-Negerlein-Rezeption hierzulande. Die Puppen waren extrem beliebt, unter den Nazis dann verboten, weil nicht „arisch“. Von einer Staffelei blickt dazu das Porträt eines jungen Soldaten als Bildhauerlehrling. An den Wänden verschwimmt unser eigenes Porträt in Jahrmarkt-Zerrspiegeln. Und alle unsere Bewegungen, innerlich wie äußerlich, beobachten 300 hölzerne Puppenaugen.

Es ist ein Irrgarten subtil miteinander verknüpfter Geschichten aus dem alten und neuen Europa, der sich durch beide Kunsthallengeschoße zieht. Man wandelt durch ihn wie Alice im Wunderland, ständigem Perspektivwechsel ausgesetzt, nicht nur kulturell und ideologisch, auch real – Hendeles vergrößert gern Unterhaltungskultur ins bedrohlich Überdimensionale, Blechspielzeug oder Grimm-Illustrationen. Emotional erschöpft hängt man, Bilder von Orwells „Animal Farm“, den „Drei kleinen Schweinchen“, einem fetten gemäldewürdigen Masteber noch im Augenwinkel, im letzten Eck der oberen Halle dann die Kopfhörer an die Wand. „Death to Pigs“ heißt diese Ausstellung nicht umsonst. Und ja, es waren auch die Worte, die die Manson-Sekte 1969 an die Wände der Ermordeten schrieb.

Death to Pigs, bis 27. Mai, Kunsthalle Wien, MQ.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2018)