Mehr als 7000 Frauen wollen regelmäßig von Sabine Maier erfahren, wo sie in Wien am besten hingehen sollen. Die Stadtspionin gibt jede Woche die Antwort in einem Newsletter.
Irgendwann hatte es Sabine Maier einfach satt, am Frühstückstisch den Veranstaltungsteil des „Falter“ von vorne bis hinten durchzulesen, um auf die ein oder zwei Tipps zu stoßen, die sie interessierten. Was sie suchte, war ein kleiner Ratgeber mit einigen wenigen Veranstaltungs- und Freizeittipps, die dafür speziell auf Frauen zugeschnitten sind. „Eigentlich dachte ich, so etwas muss es doch geben“, erzählt sie. Aber Fehlanzeige. Und so beschloss sie, einfach selbst die Initiative zu ergreifen.
Rund zwei Jahre später gibt es schon mehr als 7200 Menschen in Wien und Umgebung, die Woche für Woche darauf warten, welche Geschäfte, Restaurants und Events sie diesmal wohl empfohlen bekommen werden – per wöchentlichem Newsletter. Wer hinter diesem Service wirklich steckt, das wissen allerdings die wenigsten. Denn ihre eigentliche Identität ist sekundär, für ihre Leser ist sie einfach nur die – so wie auch der Name des Newsletters – Stadtspionin.
„Ich habe am Anfang gedacht, ich mache das einmal in der Woche ohne großen Aufwand“, erzählt sie. Einfach ein paar Tipps zusammenschreiben und per Newsletter versenden. „Blauäugig“ sei das gewesen, denn mittlerweile ist aus ihrem Vorhaben schon eine kleine Firma geworden. Und das ohne große Werbung. „Den ersten Stadtspion habe ich an 50 oder 60 Frauen geschickt, die ich kannte“, erzählt sie. Den folgenden rasanten Zuwachs an Leserinnen hat sie vor allem Mundpropaganda zu verdanken.
Als Frau ausgegeben. Wobei: „Etwa zehn Prozent der Abonnenten sind Männer“, erzählt sie. Einige von ihnen hätten sogar nachgefragt, ob sie die eigentlich für Frauen bestimmten Tipps denn auch lesen dürften. Einige Männer, das weiß sie mittlerweile, haben sich sogar mit Frauennamen angemeldet. „Natürlich dürfen Männer den Newsletter lesen“, meint sie, „aber sie müssen halt damit rechnen, dass sie manchmal auch auf Veranstaltungen stoßen, die nur für Frauen sind“.
Aber woher kommt dieser Erfolg? Denn glaubt man Newsletter-Experten und Medienagenturen, macht die gebürtige Oberösterreicherin in ihrem Newsletter so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. „Möglichst weiß, wenige Bilder, kurze Texte, die man anklickt, um auf eine Website zu gelangen“, erzählt sie, so stehe es im Lehrbuch. „Und ich mache es genau umgekehrt.“ Der wöchentliche Newsletter ist voll mit Bildern, aufwendiger Grafik und längeren Texten, in denen alle relevanten Informationen stehen. Und er sieht jedes Mal anders aus: „Ich liebe Muster“, erzählt die 50-Jährige, „darum gibt es jede Woche eine andere Tapete als Hintergrund“.
Blick einer Touristin.Aber es ist nicht nur das Layout, auch die Art und Weise, wie sie zu ihren Tipps kommt, hebt die Stadtspionin von Listen und Datenbanken ab: „Ich bin keine Wienerin“, erzählt Maier, „und obwohl ich schon seit zwölf Jahren hier lebe, habe ich noch immer den Touristenblick.“ Denn auf Distanz sieht man Dinge, die die Bewohner einer Stadt gar nicht mehr bemerken. „Einige Leserinnen haben mir geschrieben, dass sie regelmäßig an einem Tipp von mir vorbeigegangen sind, ohne dass ihnen vorher etwas aufgefallen wäre.“
Auf diese Art hat sie sich im Laufe ihrer beruflichen Karriere – unter anderem war sie Journalistin und leitende Redakteurin in deutschen Großverlagen – schon viele Städte erarbeitet. „Man muss viel zu Fuß gehen, da sieht man die kleinen und versteckten Dinge.“ Und Kleinanzeigen in Zeitungen lesen – „da erfährt man Stimmungen und Dinge, die nicht auf einer offiziellen Basis laufen“. Dementsprechend kommt sie auch zu einem breiten Spektrum an Tipps, die sie weitergeben kann: „Da sind sündteure Sachen dabei, aber auch Dinge, die überhaupt nichts kosten. Dazu auch Tipps, die ich von Migrantinnen bekomme.“ Die einzigen Überbegriffe der Stadtspionin sind „Wien“ und „Frau“.
Wie breit die Schicht ihrer Abonnentinnen mittlerweile ist, hat sie bei einem temporären Heurigen erlebt, den sie in einem ihrer Newsletter empfohlen hat: Mit einer Mitarbeiterin geht sie in das Lokal, um über ihren Newsletter zu sprechen, als eine Dame vom Nebentisch fragt: „Sind Sie die Stadtspionin?“ Und plötzlich am Nebentisch eine weitere Frau aufhorcht – bis sich herausstellt, dass fast alle Gäste durch ihren Newsletter auf das Lokale gekommen sind.
„Da war eine Sozialarbeiterin, eine Psychotherapeutin“, erzählt Maier, „Frauen aus den unterschiedlichsten Ecken, die aufs Erste nicht viel miteinander zu tun haben“. Die Maier aber laufend mit eigenen Tipps versorgen – und die vor allem auch für Werbekunden eine interessante Zielgruppe sind. Denn mittlerweile kann Maier schon recht gut von der Stadtspionin leben, beschäftigt drei Anzeigenverkäuferinnen und ist gut gebucht. Und sie denkt sogar an Expansion. Neue Ideen, die in Richtung Newsletter gehen, aber auch einige Buchprojekte liegen in der Schublade. Aber eines ist klar: „Die Stadtspionin bleibt, wie sie jetzt ist.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2010)