Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Autohandel zwischen Europa und Afrika floriert

Mercedes
(c) AP (Thomas Kienzle)
  • Drucken

Am Grenzposten Nouadhibou in Mauretanien floriert der Autohandel. Mercedes ist - auch in anderen Ländern Westafrikas - die beliebteste Automarke. Vor allem der legendäre, schon etwas ältere "190er".

Auf den Straßen Nouadhibous schiebt sich ein Mercedes am nächsten vorbei. Hupend und ächzend unter der Hitze und dem Staub der Sahara kriechen die Autos dahin. Taxler und Händler, alle hier schwören auf den deutschen Fabrikanten. „Kein Auto ist besser,“ sagt Abdelaya Bâ, während er sein Handy, das pausenlos läutet, aus der Hosentasche fischt. Er hofft auf einen 190er – dann braucht er keinen Käufer zu suchen, denn die werden Schlange stehen.

Die mauretanische Hafen- und Grenzstadt mit ihren 90.000 Einwohnern ist nicht nur Zentrum für Fischerei und Erzverarbeitung und hat einen der weltgrößten Schiffsfriedhöfe (über 100Kähne rosten vor sich hin), sie ist auch Sammelbecken für Gebrauchtwagen aus Europa, die ihren zweiten Lebensabschnitt in Afrika verbringen. Der Baby-Benz, der Renner hier, gilt weitläufig als Erfolgsmodell. Nicht umsonst wurde der Vorläufer der A-Klasse über 1,8 Millionen Mal gebaut. Häufig lässt sich die ursprüngliche Farbe eines Autos nur mehr erahnen, so oft wurde die Karosserie ausgeklopft. Oder drei Wagen wurden zu einem verarbeitet.

 

Autodeals im Niemandsland

Mit einem 190er hat Abdelaya leichtes Spiel. Der 32-Jährige arbeitet im „No Man's Land“, im Niemandsland zwischen Marokko und Mauretanien, einem Streifen Wüste, karg und felsig, rund drei Kilometer breit. Ein rechtsfreier Raum und Umschlagplatz für Autos.

Im Norden liegt Fort Guerguarat, der marokkanische Posten in der besetzten Westsahara, da endet die geteerte Straße. Fahrer halten sich an die Reifenspuren, die sich über Jahre in den Sand gruben. Man weiß um die Minen, die es dort gibt. Und jeder kennt die Geschichte von den zwei Franzosen, die von der Piste abwichen. Das nach der Explosion ausgebrannte Skelett ihres Autos liegt heute noch dort – neben vielen anderen.

Es ist eine Schrotthalde, das Niemandsland. Ausgeblichenes buntes Verpackungsmaterial wiegt sanft im Wind. Von Colaflaschen über Kühlschränken bis zu ausgeschlachteten Autos liegt hier alles. Und man handelt hier mit Autos. „Das ist einfacher für Europäer und Marokkaner“, so Abdelaya. „Sie ersparen sich die Einreiseformalitäten.“ Die Einfuhr besorgen meist junge Männer wie er. „Für 1000Euro kriegt man die Nummerntafel,“ erzählt er vom Importverfahren, für das der Käufer aufkommen muss. Er selbst nehme zehn Prozent Kommission vom Verkäufer und einen variablen Zuschuss vom Abnehmer.

 

„Geschenke“ für die Zöllner

Bei einem Prokopfeinkommen in Mauretanien von rund 650Euro im Jahr stellt sich die Frage, wer Autos kauft. „Taxifahrer natürlich, aber auch andere haben Geld,“ meint Abdelaya. Die meisten Autos würden jedoch tiefer in den Kontinent verbracht. In Mali kriege man für dasselbe Auto 3000 Euro. Klar laufe einiges unter der Hand: Die Zöllner kennen die Händler und kriegen „Geschenke.“

Das beliebteste Modell mit dem Stern ist der 190er. Lokaler Richtpreis: 2200Euro. „Den kaufst du in Deutschland für 800 bis 900, in einigen Tagen hast du ihn hier. Kein schlechtes Geschäft.“ Erich W. hätte das gern vorher gewusst. Er sitzt auf dem Dach einer Herberge in der Hauptstadt Nouakchott und sieht auf seinen Mercedes C123 Bj. 1985 auf dem Parkplatz. Der Salzburger sieht müde aus. Seit drei Wochen ist er „auf Abenteuerreise“. Die Wirtschaftskrise hat seiner Firma den Kopf, ihn den Job gekostet. Mit 52 Jahren hat er, zumindest jetzt, wenig Hoffnung auf Arbeit.

Er hatte gehört, dass sich hier Gebrauchte verkaufen ließen, sich für 500 Euro einen besorgt und fuhr los. Dann ging die Kupplung ein, Scheiben wurden eingeschlagen, die „gute“ Kleidung und die in Mauretanien verbotenen Alkoholika gestohlen. In Nouakchott bot man ihm dann 500Euro. Damit sei er zufrieden, solange nur keine Extrakosten anfallen, die ihm sein erster Kaufinteressent im Nachhinein verrechnen wollte. Und wenn sie ihm nur mit ihrem Machogehabe fernblieben! Gewinn habe er eh nicht machen wollen. Da müsse man der Typ dazu sein, und das sei er nicht.

 

Die Leute wollen Schwarz

Was Erich auch nicht weiß: Sein Benz hat die „falsche“ Farbe, sagt Abdelaya, der angeblich 30 bis 40 Pkw im Jahr handelt; etwa so viele, wie an einem guten Tag über die Grenze gehen. „Rot und Weiß geht gar nicht, die Leute wollen Schwarz.“ Sinn macht das bei der Hitze nicht, es ist eine Frage der Mode.

Abdelaya steckt sein Handy wieder ein. „Pech gehabt, kein Mercedes.“ Ein Iraker bot ihm einen Van von VW an, zudem in Rot. Zwei Tage später ist er trotzdem verkauft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2010)

Mehr erfahren

Zum Thema

Hygiene: Vom täglichen „Geschäft“ in Afrika

Zum Thema

Ghana: Exportschlager Kreativsarg

Zum Thema

Benin: Vom „historischen Unfall“ des Sklavenhandels

Zum Thema

Togo: Das Ende eines afrikanischen Fußballmärchens

Zum Thema

Burkina Faso: Schreiben in einem Land ohne Leser

Zum Thema

Marokko: "Wir gehören mehr zu Europa als zu Afrika"