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"Wo Österreich Grenzen schützen will, will der Papst Menschen schützen"

Archivbild: Sebastian Kurz
Archivbild: Sebastian Kurzimago/Emmanuele Contini
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Kanzler Kurz trifft erstmals seit seinem Amtsantritt Papst Franziskus. Unterschiedliche Sichtweisen gibt es in der Migrationsfrage. Vatikan-Kenner erwarten dennoch eine "freundliche Atmosphäre" bei dem Treffen am Montag.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) besucht am Montag erstmals seit seinem Amtsantritt Papst Franziskus im Vatikan. Das Verhältnis zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl gilt zwar als gut, doch gerade in der Migrationsfrage treten zwischen dem Kanzler und dem Kirchenoberhaupt deutliche Unterschiede zutage.

Tatsächlich ist "bei beiden das Thema geflüchtete Menschen und Migration zentral - nur von unterschiedlichen Seiten", bemerkt Christoph Schweifer, Generalsekretär internationale Programme von Caritas Österreich, im Gespräch mit der Austria Presseagentur. Der Papst "spricht dauernd über Flüchtlinge und Migranten, die jüngste Weltfriedensbotschaft hat er ebenfalls diesem Thema gewidmet", sagt auch die österreichische Journalistin Gudrun Sailer, Redakteurin der offiziellen vatikanischen Nachrichtenplattform "Vatican News".

Sailer erinnert daran, dass Franziskus nach seiner Wahl im März 2013 "seine erste Reise überhaupt auf die Insel Lampedusa geführt hat". Das südlichste italienische Eiland ist international seit Jahren für seine prekäre Flüchtlingssituation bekannt. Außerdem habe der Papst 2016, "mitten in der Flüchtlingswelle", die griechische Insel Lesbos besucht und "zwölf syrische Flüchtlinge in seinem Flugzeug mitgenommen", erinnert die Journalistin.

"Zutiefst religiöse Frage"

Schweifer weist auf den tiefen geistlichen Hintergrund hin, der die Motivation des Papstes für sein Engagement aufseiten geflüchteter Menschen bildet: "Das ist für ihn keine politische Frage, sondern eine zutiefst religiöse Frage" und "ein echtes Herzensanliegen". So habe Franziskus in einer Ansprache mit Hinweis auf Begegnungen mit syrischen Flüchtlingen gesagt: "In dieser Begegnung treffen wir Jesus Christus." Der Papst sehe die Migrationsproblematik biblisch formuliert als "Zeichen der Zeit", als "bedeutende Frage, die etwas aussagt über die Ungerechtigkeit in der Welt", so Schweifer.

Für den Papst stehe die Würde der einzelnen menschlichen Person im Vordergrund, alles andere sei sekundär, unterstreicht der Caritas-Vertreter. "Wo Österreich Grenzen schützen will, will der Papst Menschen schützen", formuliert es Sailer. Sie verweist darauf, dass in der von Franziskus gegründeten neuen Vatikan-Behörde "Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen" gar der Papst persönlich die Leitung der Abteilung für Flucht und Migration übernommen hat - "das ist einzigartig in der Geschichte".

Integration "als Begegnung und Dialog" 

Auch Franziskus fordert zwar von Migranten Integration, wie Schweifer betont. "Er versteht aber Integration nicht als Anpassung, sondern als Begegnung und Dialog." Deshalb mache er bei Menschen in Not auch keine Unterschiede zwischen deren religiöser Zugehörigkeit. "Die Frage der Religion ist für ihn wichtig, aber vor allem im Sinne der Religionsfreiheit", sagt der Caritas-Vertreter. Er verwies darauf, dass Franziskus unter den Flüchtlingen auf Lesbos, die er nach Rom mitnahm, "bewusst muslimische Familien" ausgewählt habe.

Vatikan-Journalistin Sailer erwartet trotz aller Meinungsverschiedenheiten eine "freundliche Atmosphäre" bei dem Treffen am Montag. "Österreich und der Heilige Stuhl sind sehr bewährte Partner." So ziehe man etwa in der Frage der verfolgten Christen im Nahen Osten "ganz fest an einem Strang". Auch das 2012 in Wien vom Heiligen Stuhl und Österreich mitgegründete König-Abdullah-Dialogzentrum (KAICIID), das wegen der Beteiligung Saudi-Arabiens zunächst umstritten war, hat sich nach Ansicht Sailers "gut gemacht und ist wirklich zu dem geworden, was sich der Heilige Stuhl gewünscht hat".

Im Gespräch mit Politikern ist dem Papst vor allem das Thema des Gemeinwohls und der Nachhaltigkeit ein Anliegen, erzählt die Vatikan-Journalistin. "Es sollen nicht wenige auf Kosten vieler leben." So überreiche Franziskus jedem Staatsgast, der ihn besucht, ein Exemplar seiner 2015 veröffentlichten Enzyklika "Laudato si", die diese Themen in den Mittelpunkt stellt.

"Es heißt zwar Privataudienz ..."

Bundeskanzler Kurz bezeichnet sich selbst als gläubigen Katholiken - doch bei solchen Treffen mit dem Papst spielt das Privatleben oder das persönliche Glaubensleben des jeweiligen Besuchers kaum eine Rolle. "Privat- und Glaubensleben anzusprechen wäre gegen die Gepflogenheiten. Der Heilige Stuhl unterscheidet sehr fein zwischen dem politischen und dem Privatbereich", unterstreicht Sailer, die dabei auf die jahrhundertelange Erfahrung und das dichte internationale Netzwerk der vatikanischen Diplomatie hinweist. "Es heißt zwar Privataudienz - es geht aber in Wahrheit um politische Gespräche."

 

(Petra Edlbacher/APA)