Regen und milde Temperaturen lassen in Vancouver ein Terminchaos befürchten. Finanziell droht ein Desaster, die Spiele kosten dreimal so viel wie veranschlagt. Protestaktion werden die Eröffnung begleiten.
Vancouver/WIEN. „Ich wette, das wird eine sehr teure Party.“ Wenige Tage vor Beginn der 21.Olympischen Winterspielen ziehen im kanadischen Vancouver immer mehr dunkle Wolken auf. Und diese verfinstern nicht nur den Himmel. Weil Regen und Schneefall an den ersten Tagen der Spiele prognostiziert werden, wird ein Terminchaos befürchtet. Der kanadische Volkswirt Marc Lee fürchtet aber vielmehr ein finanzielles Desaster. Im Vergleich zur Wettervorhersage lassen die Kosten der Spiele einen finanziellen Hurrikan erahnen. Statt der veranschlagten 1,9 Milliarden Euro dürften die Spiele mehr als fünf Milliarden Euro verschlingen. Und selbst diese Zahl scheint möglicherweise zu niedrig gegriffen.
Und da auch Kanada von der globalen Wirtschaftskrise nicht verschont blieb, sich in Vancouver trotz des Olympia-Booms die Zahl der Arbeitslosen und jener, die in Wohnungsnot gerieten, drastisch erhöht hat, sehen sich die Olympia-Organisatoren mit wachsenden Ressentiments in der Bevölkerung konfrontiert. Während am Freitag 55.000 Menschen der Eröffnungsfeier im British Columbia Place Stadium beiwohnen werden, werden auch etwa 1000 Aktivisten draußen im Regen stehen und demonstrieren. „Herzinfarkt 2010: Verstopft die Arterien des Kapitalismus“, lautet das Motto der Anti-Olympia-Aktivisten. Und obwohl die Meinungsfreiheit während Olympia nur fernab der Bewerbe in streng bewachten Sicherheitszonen stattfinden darf, wissen die Aktivisten um ihre Wirkung: „Die Polizei musste sich noch nie mit einer solchen Situation auseinandersetzen und einer Massendemonstration während Olympischer Spiele begegnen“, weiß Harjap Grewal, einer der Wortführer der Olympia-Gegner.
Dass nicht alles glatt über die Bühne gehen wird, ist in Cypress Mountain seit Wochen klar. Unentwegt karren Lastwagen und Hubschrauber Schnee aus dem drei Autostunden entfernten Easy-River-Berggebiet in das auf nur 930 Meter hoch gelegene Skiressort. Hier sollen die Freestyle und Snowboard-Bewerbe stattfinden.
Einstweilen übt sich Tim Gayda, Vizepräsident des Organisationskomitees Vanoc, in Optimismus: „Wir sind zu 100 Prozent zuversichtlich, dass die Wettkämpfe wie geplant stattfinden können“, sagte er, während 750 freiwillige Helfer rund um die Uhr schuften, um 5000 Kubikmeter zugeführten Schnee auf den olympischen Pisten zu verteilen. Sonne und Temperaturen mit sieben Grad über dem Gefrierpunkt treiben der Crew den Schweiß auf die Stirn. Für die kommenden Tage ist Regen angesagt. „Es wird keine Absage eines Wettbewerbs geben“, heißt es bei Vanoc unermüdlich.
Aber zumindest Terminverschiebungen sind angesichts der prekären Wetterlage zu befürchten. Innerhalb von 48 Stunden können Bewerbe neu angesetzt werden. Kein Problem, wenn man davon ausgeht, dass sämtliche Olympioniken ohnehin im olympischen Dorf residieren und dort die Zeit bis zu ihrem Wettkampf totschlagen.
Doch für einige der heimischen Skiasse trifft dies ganz und gar nicht zu. Reinfried Herbst, vierfacher Slalomsieger in diesem Winter und somit eine der größten heimischen Medaillenhoffnungen, plante erst am 15. Februar, drei Tage nach der Eröffnungsfeier, über den großen Teich zu fliegen. Der Olympische Herrenslalom ist schließlich erst für 27. Februar angesetzt. Kommenden Montag lautet Herbsts Reiseziel nicht Vancouver, sondern Los Angeles. Der Easy Rider der Pisten will noch ein paar Tage auf einer Harley Davidson durch Kalifornien düsen, bevor er olympisches Edelmetall anvisiert.
Werden Skirennen verschoben?
Sollte allerdings Schlechtwetter zu Beginn der Spiele eine Austragung der Abfahrt und des Super-G verhindern, könnten die Organisatoren durchaus den Slalom- oder Riesentorlauf-Start um einige Tage vorziehen. Davon betroffen wären auch die ÖSV-Läufer Marcel Hirscher und Philipp Schörghofer. Sie entspannen sich vor den Wettkämpfen einige Tage im sonnigen Florida.
Der Österreichische Skiverband (ÖSV) hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um seine Sportler auf Goldkurs zu bringen. In Sun Peaks, etwa vier Autostunden von Whistler entfernt, wurde ein Trainingslager eingerichtet. Dort trainieren die Österreicher seit Tagen hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt. Auch wurde ein eigenes Helikopter-Shuttle eingerichtet. Mit dem Hubschrauber sollen Walchhofer und Co. zu den Bewerben nach Whistler eingeflogen werden. Am Duffey Lake, 60Kilometer von Whistler entfernt, wurde eine Landegenehmigung erwirkt. Aber was nützt der ausgeklügeltste Plan, wenn Wetterkapriolen am Ende eine Hubschrauberlandung obsolet machen? Schon spielen sich die österreichischen Rennläufer mit dem Gedanken, sich – so wie die anderen Wintersportler auch – im olympischen Dorf einzuquartieren. Zumindest Benjamin Raich und Hannes Reichelt werden morgen artig dort einchecken.
Aber nicht alle Olympia-Prognosen sind schlecht: Das US-Sportmagazin „Sports illustrated“ prophezeit Österreich 22 Medaillen – davon fünf in Gold durch Michael Walchhofer (Super-G), Benjamin Raich (Riesentorlauf), Gregor Schlierenzauer (Springen-Normalschanze), der Springer-Mannschaft und Dominik Landertinger (Biathlon-Verfolgung). In Turin 2006 lag das Magazin mit seinen Tipps ziemlich gut. Aus angekündigten 19 Medaillen wurden am Ende sogar 23. Und es sagte richtig voraus, dass Benjamin Raich und Michaela Dorfmeister jeweils Doppelolympiasieger werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2010)