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Der letzte Kreuzritter

Was, gegen den großen Wohltäter hetzt er jetzt auch noch?

„Sag mir, was du von Soros hältst, und ich sage dir, wo du stehst“ – dieser Test funktioniert weltweit.

Zum ungarisch-amerikanischen Milliardär George Soros hat besonders in Osteuropa jeder eine Meinung. Ein Gutteil der zwölf Milliarden Dollar, die Soros zeitlebens gespendet hat, gingen dorthin, eine ganze Generation von Aktivisten, Journalisten und Politikern wurde von ihm erzogen und versorgt. Für viele Ostler ist Soros nun der Schwarze Mann, der hinter allem steckt. Egal, ob Rumänen gegen Korruption oder Slowaken gegen einen Journalistenmord demonstrieren – einige sehen dahinter immer „zersetzende sorosoidne Fonds“, die – ausgehend von Soros' Unterstützung des Kiewer Maidans – nach weiteren Maidan-Umstürzen dürsten.

Im Westen wird er anders wahrgenommen. Journalisten etwa kritisieren ihn nie. Das merkt man an dem oft gelesenen Satz, dass kein Beweis für Orbáns Behauptung eines Soros-Plans existiere. Tatsächlich liegt kein solcher Plan abgeheftet vor, doch gibt es seinen im September 2015 auf „Project Syndicate“ veröffentlichten Aufruf: „Erstens muss die EU in absehbarer Zukunft mindestens eine Million Asylsuchende jährlich aufnehmen.“ In jenem Programm lobte Soros den EU-Quotenplan und verblüffte mit Realitätsferne: „Haben Asylsuchende eine vernünftige Chance, letztlich Europa zu erreichen, ist es viel wahrscheinlicher, dass sie bleiben, wo sie sind.“

Als konservativer Christdemokrat vertrete ich andere Ideale, Tirade bringe ich keine zusammen. Ich finde, dass es Orbáns Anti-Soros-Kampagnen an bürgerlicher Etikette gebricht, während Soros seine Sache recht kultiviert vertritt. Dass ein 87-Jähriger Zeit seines Lebens für dieselbe Weltanschauung einsteht, beeindruckt mich.


Sein ungeteilter Liberalismus besticht durch Konsistenz: Er hat im säkular-jüdischen Elternhaus Esperanto gelernt, mit dem jüdischen Nationalstaat wurde er nie warm. Als Schüler Karl Poppers hat er immer an die offene Gesellschaft geglaubt, Poppers „Reflexivity“ wandte er auf den Kapitalmärkten an. Er hat das Finanzsystem kritisiert, ohne je aufzuhören, mit seinen Hedge-Fonds gegen ganze Länder zu wetten. Er trat ein für Drogenliberalisierung, sexuelle Minderheiten, offene Grenzen. 1994 bekannte er sich zur Sterbehilfe an seiner Mutter.

Soros ist bedeutend, weil sich seine Ziele und die Brüsseler Agenda so weitgehend decken. Ich erlebte ihn 2008 auf dem ersten „Roma Summit“ der EU, als er zum Ehrenbürger der Romanipe ernannt wurde. Um diesen prächtigen Mantel beneide ich ihn bis heute. Inzwischen haben seine Open Society Foundations von Kumquat Consult erforschen lassen, wie viele EU-Abgeordnete „verlässliche Verbündete“ seien. Das Ergebnis des 177-Seiten-Berichts: 226. Die größte EU-Fraktion hat weniger als 226 Abgeordnete. Im November wurde dem Milliardär in der Wiener Hofburg gehuldigt, zugegen waren mein früherer und mein amtierender Bundespräsident.

Als konservativer Christdemokrat bewerte ich Soros ohne Schaum vorm Mund, als Arbeiterkind muss ich mich aber wundern. 2017, während des Konflikts um die Budapester Soros-Hochschule, empfing mein Brüsseler Kommissionspräsident Soros mit demonstrativer Solidarität, und mein Wiener Kanzler gestand „persönlich ein enges Verhältnis mit Herrn Soros“ ein. Jean-Claude Juncker ist der Sohn eines christlich-sozialen Stahlarbeiters, Christian Kern ein Arme-Leute-Kind aus Simmering. Sollten die nicht ein Problem mit Finanzspekulanten haben? Offenbar setzen die heutigen Arbeiterführer andere Schwerpunkte.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland. E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2018)