Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Auf der Jagd

Wenn in Miesenbach der erste Schnee fällt, beginnt man das Hochwild zu füttern. Da fährt der Singer-Schani jeden Tag zum Schlag hinauf, füllt die Futterkisten mit Maissilage.

Das ist Gesetz. Und wenn so mancher denkt, dass man damit nur Reh und Hirsch was Gutes tut, der irrt. Gut meint man es mit dem Wald. Wenn die Tiere Futter vorgelegt bekommen, lassen sie Bäume, die dreißig Jahre zum Wachsen brauchen, in Ruh, beißen ihnen keine Rinde und Zweige ab. Dieses Jahr hat es schon ordentlich geschneit, im Dezember liegt kniehoch der Schnee. Das ist gut, der Sommer ist zu trocken gewesen. Vom Schneeberg bläst scharfer Wind und der Himmel ist bedeckt, in der Früh um neun hat es zu schneien aufgehört, da ist die Mutter schon außer Haus gewesen. Ein Wetter wie der Schani es mag.
Als er die Scheibtruhe absetzt, den abgewetzten Jagdhut in den Nacken schiebt, hat er von den zwölf Futterkisten, die am Schlag am Waldesrand stehen, vier großzügig gefüllt. Dort ziehen Rotwildrudel in der frühen Dämmerung hin, bei deren Anblick dem Schani stets warm ums Herz wird, obwohl er in einer Jägerfamilie aufgewachsen und mit dem Großvater schon auf die Pirsch gegangen ist. Auch der Mutter hatte dieser das Schießen beigebracht, da ist sie fünfzehn gewesen. Unüblich, aber man schrieb das Jahr 1946 und die Russen hatten Miesenbach besetzt. Eine unsichere Zeit ist das gewesen, noch heute erzählen die Alten davon. Jägerin ist die Mutter keine geworden, aber zur Fütterung geht sie noch immer gern. Bei der neunten Kiste traut Schani seinen Augen nicht. Blutrot ist der Schnee. „Scheißkerl!", flucht er und meint den Gruber-Toni. Der hat hier sicher einen Hirsch geschossen, der ist so einer, und weil es seit neun Uhr nicht weiter geschneit hat, sieht man das Blut. Bis zum Waldesrand folgt der Schani den roten Tropfen. Dann lässt er es gut sein. Ohne Hund hat das wenig Sinn, er selber hat keinen mehr, im Sommer hat der Gruber-Toni ihm seinen Deutsch-Drahthaar weggeschossen. Der Mutter hat es das Herz gebrochen, Struppi war ihr Liebling gewesen. Zugegeben hat Toni nichts, aber beim Wiesenfest im August anzügliche Bemerkungen in Schnapslaune gemacht. „Wenn Jäger auf ihre Hunde nicht aufpassen können, selber schuld", so in der Art. Das hat Schani, der nachtragend wie seine Mutter ist, nicht vergessen. Schwitzend vor Zorn und Anstrengung füllt er die letzten Futterkisten. Hinunter zum Gasthaus Hornung wird er schauen, ob da wer ist mit einem Hund. Wenn in seinem Wald ein totes oder angeschossenes Tier liegt, will er das so schnell wie möglich wissen. Das Ganze ist eine einzige Schweinerei. Nicht nur, dass in seinem Revier keiner was zu suchen hat, bei einer Fütterung auf ein Tier zu schießen, ist weidmännischer Frevel. Die Scheibtruhe stellt er in die Futterhütte zurück, die Raufen füllt er im Laufschritt mit Heu, dann eilt er zum Geländewagen, der auf der Forststraße steht, hinunter. In Scheuchenstein beginnen die Kirchenglocken zu läuten. Mittag. Die Fahrt zum Hornung scheint ihm elend lang, mit Schneeketten an vier Rädern kann er nur dreißig fahren. Das mag der Grund sein, wieso er vor dem Gasthaus aus dem Auto springt, die Tür zur holzgetäfelten Gaststube aufreißt, auf den Gruß vergisst:
„Wo is´ der Toni", brüllt er. „Wer lasst fragen?", antwortet der Steiner-Friedl und hebt sein Achtel Weißwein zum Mund. „Gott sei Dank, dass er net da ist", bekräftigt der Hofer-Karli, wischt mit dem Handrücken Bierschaum aus dem Bart. Sie stehen seit acht Uhr morgens in der Gaststube bei der Schank, weil es was zu diskurrieren gibt. Das gibt es täglich, zu Mittag und auch abends. Mit dem Toni tragen beide eine Fehde aus, aus unterschiedlichen Gründen. Leider Gottes, so betont Friedl oft, grenzen sein Wald und seine Wiesen an die vom Toni, und seltsamerweise haben sich in den letzten Jahren Grenzsteine wie von Zauberhand bewegt. Zugunsten des Toni, das versteht sich von selbst. Der eigene Vater hat ihm, dem Friedl, die Grenzsteine gezeigt, ist entlang der alten Eschen die Grundgrenze mit ihm abgegangen. Dort stehen die Eschen immer noch, die Grenzsteine weit davon entfernt. Bei einer Grundstückbegehung mit der Bezirksbehörde vor einem Jahr ist das herausgekommen. Da hat der Friedl dem Toni eine getuscht, leider vor Zeugen, vor den Beamten nämlich, die für diese Begehung nach Miesenbach gekommen sind. Und der Toni hat ihn nicht nur angezeigt, sondern ihn auch bei Gericht verklagt, wegen Körperverletzung. „Und so etwas tut man nicht", pflegt Friedl seine Erzählung stets zu beenden. Dass das Gericht dem Toni Recht gegeben hat, erzählt er nicht. Drei Zähne hat Toni ausgespuckt. Und der Karli, der ist dem Toni seit dem letzten Musikantenfest im Juli herb. Da hat sich Toni zu später Stunde an die Seine herangemacht. „Darf ich bei dir schlafen?", hat er gefragt, weil er keine Lust gehabt hat volltrunken nach Hause zu fahren. Und aus dem darf ich bei dir schlafen, war dann ein darf ich mit dir schlafen geworden. Da hat ihm der Karli die Faust auf die Nase geschlagen.
„Der Dreckskerl hat bei meiner Fütterung einen Hirschen geschossen", behauptet Schani, „ich brauch einen Hund zum Nachsuchen, bei der Fütterung liegt er nicht." Da tätschelt der Karli seinem Bayrischen Gebirgsschweißhund den Kopf und steht auf. „Gemma", meint er, im Winter wird es schnell dunkel und an diesem Tag wird der Mond spät aufgehen. „Schaut´s", sagt Schani bei der Futterkiste, weist mit dem Zeigefinger auf den roten Schnee und dann zum Wald. Da lässt der Karli seinen Hund von der Leine, der braune Kerl rast los, schnurrstracks in den Wald hinein. Keine Minute später hört man ihn bellen und weil er ein Totverbeller ist, weiß man, dass da was Totes liegt. Hirsch ist es aber keiner. Es ist der Gruber-Toni.
Wer weiß, wie lange der Schani noch versuchen wird sich zu erinnern, ob es der Friedl oder doch der Karli war, der im Gasthaus ein Gesicht gezogen hat, als hätte er keine Lust darauf den Toten wieder zu sehen.

Frage: Wer hat den Gruber-Toni auf dem Gewissen?

>> zur Lösung

Die Autorin

Jacqueline Gillespie ist Autorin zweier Kriminalromane und des Bestsellers „Das Leben hält sich nicht an Rendezvous“, der im März 2009 (Orac) erschien. Sie hat Romanistik studiert und war etliche Jahre im Managementbereich tätig. Heute ist sie Mitglied mehrerer Autorenvereinigungen und widmet sich der Schriftstellerei.
www.krimiautoren.at