Wer wagt, gewinnt – zumindest im Kino-Casino. Filme wie „Molly’s Game“ verleihen Glücksspiel oft die prickelnde Aura wilden Unternehmertums. Aber nicht immer.
„Ich würde Ihnen raten, Herr Hull, mit dem Spiel für heute aufzuhören“, sagt der Leiter des Privatklubs zum Millionärssohn, der gerade wieder einen Schuldschein unterschreibt. Doch aus dessen Augen spricht reine Besessenheit – die Karten halten ihn, nicht umgekehrt. Kein Wunder: Er steht im Bann von Dr. Mabuse, dem sinistren Hypnotiseur und Unruhestifter. Verkleidet als Herr von Welt drängt dieser sein Gegenüber von einem Vabanquespiel zum nächsten. Vor Mabuses stechenden Blicken gibt es kein Entrinnen – gnadenlos treiben sie seine Opfer in den Ruin.
Glücksspiel ist Teufelswerk – zumindest in Fritz Langs kanonischem Psychothriller „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922). Dort dient es dem Bösen als Instrument der Verführung – und dem Regisseur als Metapher für den Chaosstrudel der Weimarer Republik. Mabuse, unvergesslich verkörpert vom begnadeten Schurkendarsteller Rudolf Klein-Rogge, erscheint als Manifestation düsterer Mächte, die mit Hinterlist an den Schicksalsfäden der Gesellschaft zerren: Während selbstvergessene Hasardeure am Spieltisch ihr Geld verzocken, schlägt der Meisterverbrecher Kapital aus einem von ihm selbst beförderten Börsencrash.
Diese Kinoassoziierung von Glücksspiel mit moralischer und sozialer Verkommenheit wirkt aus heutiger Sicht eher altbacken. Wenn heute ein Spieltisch auf der Leinwand erscheint, weckt das ganz unterschiedliche Vorstellungen: Risiko, vielleicht auch die Verlockungen der Halbwelt, aber ebenso Abenteuer, Freiheit und Vergnügen. Das liegt nicht zuletzt an den schillernden Casino-Visionen der US-Filmgeschichte: Dort hatte das Glücksspiel schon immer ein Naheverhältnis zum amerikanischen Traum – ob nun Las Vegas, Atlantic City oder der private Hobbykeller in Szene gesetzt wurde.
Illegale Pokerrunden. „Molly’s Game“, das Regiedebüt des renommierten Drehbuchautors Aaron Sorkin (Kinostart: 9. März) erzählt die wahre Geschichte der ehemaligen Olympia-Skihoffnung Molly Bloom (Jessica Chastain), die nach dem vorzeitigen Unfall-Ende ihrer Karriere als Organisatorin illegaler Pokerrunden reüssierte, bei denen sich Promis aller Art die Klinke in die Hand gaben. Schlussendlich landete sie vor Gericht, aber schon der Trailer des Films signalisiert: Hier geht es um eine starke Frau, die sich vom Schicksal nicht in die Suppe spucken lässt.
Die prickelnde Aura wilden Unternehmertums umweht viele US-Filme, die sich mit Glücksspiel befassen. Sie verdichtet sich in einem beliebten Laufbildmotiv: Eine (Zeitlupen-)Aufnahme, die sich aus Spieltischperspektive auf einen Glücksritter richtet, der im Rausch des Erfolgs seine Würfel gen Kamera schleudert, angefeuert von einem ausgelassenen Publikum. Es sagt: Wer wagt, gewinnt – allein schon, weil er wagt. Selbst ein Werk wie Martin Scorseses „Casino“, das die kriminelle Kehrseite des Spielgeschäfts mit drastischer Offenheit darlegt, zehrt wesentlich von dessen Glamourfaktor.
Etliche Kinofantasien richten sich auf das Knacken des Glückssystems. Robert Luketics „21“ adaptiert den Fall einer Gruppe von Mathematikstudenten, die kraft ihrer kognitiven Kapazitäten beim Blackjack Unsummen absahnten. Auch den verpeilten Heroen der Kater-Komödie „Hangover“ verhilft ein Kartenzählerkniff zum großen Geld. Die ultimative Abkürzung wählen die Gentleman-Gauner der „Ocean’s“-Filmreihe – sie rauben Casinos einfach auf ausgeklügelte Weise aus.
Die inhärente Dramatik von Glücksspiel eignet sich aber auch hervorragend zur Spannungssteigerung. Besonders Poker dient sich hierbei mit quasi vorgefertigten Suspense-Szenarien an. Das Finale von „Rounders“, in dem ein junges Texas-Hold’em-Talent (Matt Damon) gegen einen russischen Mafioso namens Teddy KGB (lustvoll outrierend: John Malkovich) antritt, wirkt wie ein High-Noon-Revolverduell: Nervenkitzel im Schuss-Gegenschuss-Verfahren, die Asse im Ärmel gleichen Colts im Anschlag. Indes foppt Paul Newman seinen Poker-Gegner im schönsten Moment von „The Sting“ mit einem gefinkelten Bluff – und der Film den Zuschauer mit einem Montagetrick. Die Inszenierung lässt uns in die Karten des Helden blicken, doch am Ende legt er andere auf den Tisch. Der größte Falschspieler ist immer noch das Kino selbst.
Bittere Amerika-Parabel. In all diesen Filmen gilt es, Chancen zu ergreifen, und meist wird Wagemut belohnt. Um die potenziell seelen- und lebenszersetzende Kraft von Spielsucht abzubilden, brauchen die USA meist einen Blick von außen. Etwa die kanadische Produktion „Owning Mahowny“ über die Abwärtsspirale eines unscheinbaren Bankangestellten (Philip Seymour Hoffman in einer Glanzrolle), der für den Kick des ungewissen Ausgangs Kundengeld veruntreut. Oder „Vegas: Based On A True Story“ vom Iraner Amir Naderi, dem die Blinklichter der Casinos nur als entfernte Kulisse dienen: In seiner bitteren Amerika-Parabel legt sich der Schatten der Spielhöllen über den Vater einer Kleinfamilie, der von einem Gerücht über verscharrte Schätze auf seinem Grundstück hört – und beginnt, es systematisch auszuheben. Am Ende steht er vor dem Grab seiner Existenz.
James Bond weiß hingegen, wann man aufhören muss. Wenn er am Roulettetisch sitzt, bildet er das Aushängeschild einer europäischen Variante von Glücksspielfetischismus: Luxus und Lounge-Atmosphäre, Monte Carlo, Spiel um des Spiels willen. In der „Bond“-Persiflage „Austin Powers“ wird das schön blöd aufs Korn genommen: Der Agentenheld wettet hoch, obwohl seine Siegeswahrscheinlichkeit gleich null ist – nur um dem Widersacher zu zeigen, dass er „die Gefahr liebt“.
In Antonin Svobodas „Spiele Leben“, dem quintessenziellen Glücksspielfilm aus Österreich, bleibt Lässigkeitsgebaren dieser Art natürlich außen vor. Für den Herumtreiber Kurt (Georg Friedrich) geht es bei jedem Einsatz um alles oder nichts, er strukturiert sein gesamtes Dasein nach dem Zufallsprinzip. Am Schluss spiegelt sich das sogar in der Form wider, unterschiedliche Enden werden dem Publikum offeriert. Aber sie schließen sich aus: Im Alltag fallen die Würfel nur einmal.
Tipp
„Molly's Game“. Das Regiedebüt des Drehbuchautors Aaron Sorkin beruht auf einer wahren Geschichte und ist ab 9. März in den Kinos zu sehen.