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UN-Klimabeirat: Wasser bis zum Hals

(c) EPA (Torsten Blackwood)
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Neue Fehler beim Uno-Klimabeirat: Falscher Alarm um Hollands Landesfläche und Afrikas Ernten: "Im Jahr 2020 könnten die Ernten, die vom Regen abhängen, um 50 Prozent verringert sein."

Die Niederlande sind das Beispiel für ein Land, das hoch empfindlich ist sowohl für Meeresspiegelerhöhungen wie Überschwemmungen durch Flüsse, da 55 Prozent ihres Territoriums, auf dem 60Prozent ihrer Bevölkerung leben und 65Prozent des Nationalprodukts produziert werden, unter dem Meeresspiegel liegen.“ So steht es im 4. Bericht des Uno-Klimabeirats IPCC (Working GroupII, Kapitel 12.2.3), aber ganz so niedrig sind die Lande nicht: 26 Prozent liegen unter dem Meeresspiegel, 19 Prozent des BNPs werden dort erwirtschaftet. Das IPCC hat schlicht zusammengezählt, was unter dem Meeresspiegel liegt (26%) und was von Flüssen bedroht ist (29%), und schon liegt die Summe „unter dem Meeresspiegel“.

Konstruktionsfehler des IPCC

Ist das einfach die nächste Peinlichkeit im IPCC-Bericht von 2007, dessen Fehlerkatalog jede Woche von der „Sunday Times“ erweitert wird? Nein, es hat Methode: Der Bericht ist voller Daten, die nicht überprüft wurden, schon gar nicht in wissenschaftlicher Begutachtung („peer review“). Im Fall der Niederlande könnte man es noch verstehen – vermutlich stammt die falsche Zahl von der niederländischen Umweltbehörde –, aber das IPCC übernimmt vieles ungeprüft: Das begann bei den angeblich bis 2035 verschwundenen Himalaya-Gletschern (falsch vom WWF übernommen), setzte sich beim Leiden von Lachsen in wärmer werdenden US-Flüssen fort (ungeprüft von Naturschützern übernommen), fand sich in einem Lob der Kernkraft (ungeprüft von der World Nuclear Association übernommen).

Zuletzt kam die ungeprüfte Übernahme einer unpublizierten Dissertation eines Studenten in Kairo hinzu, in der von der kommenden Überflutung des Nildeltas die Rede war. Natürlich wird niemand etwas gegen Dissertationen einwenden, sie sollten nur mit Fachkunde bewertet werden. Daran herrscht Mangel in der Working GroupII, er liegt an einem Konstruktionsfehler des IPCC: In Working GroupI, die die Grundlagen erarbeitet, sitzt der (meist westliche) Sachverstand; Working GroupII, die über die Folgen der Erwärmung nachdenkt, rekrutiert sich überwiegend aus Entwicklungsländern, dort gibt es nicht viele Forscher. Aber sie füllen im Bericht hunderte Seiten, die kaum jemand liest, nicht einmal die Kollegen von Working GroupI.

 

Erfundene Erntehalbierung?

Ganz anders ist das mit dem „Synthesis Report“. Was auf seinen 73 Seiten steht, hat Gewicht, bewegt Politik und Geld. Und dort steht, im Kapitel „Afrika“, Folgendes: „Im Jahr 2020 könnten die Ernten, die vom Regen abhängen, um 50 Prozent verringert sein. Die Landwirtschaft und der Zugang zu Nahrung werden in vielen Ländern ernsthaft beeinträchtigt sein.“ Die Zahl wurde auch von IPCC-Chef Rajendra Pachauri und von Uno-Chef Ban Ki-Moon mehrfach in die öffentliche Debatte gebracht, bei den Geldforderungen Afrikas auf der Klimakonferenz in Kopenhagen spielte sie eine Schlüsselrolle.

Sie stimmt nur nicht, zumindest hat das der frühere Chef der IPCC, Robert Watson, gegenüber der „Sunday Times“ erklärt: „Jede solche Projektion sollte sich auf begutachtete Literatur darüber stützen, wie sich in Computermodellen die Ernten entwickeln. Ich kann keine solchen Daten sehen.“ Ganz ähnlich Chris Field, neuer Chef der Working GroupII: „Ich kann in diesem Bericht keine Unterstützung der Aussage über die afrikanischen Ernteniedergänge finden.“

Noch einer sprach mit der „Sunday Times“, John Sauven, Chef von Greenpeace UK. Er forderte einen neuen IPCC-Chef, also den Rücktritt Pachauris. Das sei „ein bisserl aus dem Zusammenhang“ eines Gesprächs gerissen worden, dementiert Greenpeace Österreich gegenüber der „Presse“: „Greenpeace fordert nicht Pachauris Rücktritt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2010)