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Solutions Journalism: „Es geht darum, die Leser zu bewaffnen“

(c) Temple University
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Lösungsorientierter Journalismus funktioniert vor allem auf lokaler Ebene und kann dazu beitragen, die Nachrichtenmüdigkeit mancher Menschen zu minimieren. Das sagt der US-amerikanische Medienexperte David Boardman, der zu Besuch in Wien war.

David Boardman ist Dekan am Klein-College für Medien und Kommunikation an der Temple University in Philadelphia. Er war Chefredakteur der Seattle Times und wurde für seine investigativen Recherchen mit zahlreichen journalistischen Preisen ausgezeichnet. Nach seiner Zeit in Seattle hat er sich  als Vorsitzender des Solutions Journalism Network dem lösungsorientierten Journalismus (Solutions Journalism) verschrieben. Dem geht es primär darum, herauszufinden, wie Menschen auf Probleme reagieren. Die Aufgabe ist, Probleme zu identifizieren, bewährte Lösungsansätze zu ermitteln und Bürger zu aktivieren, das Problem mit den ihnen zu Verfügung gestellten Informationen zu lösen.

Die Presse: Ist das Konzept des lösungsorientierten Journalismus wirklich neu? In wie weit arbeitet er anders als „gewöhnlicher“ investigativer Journalismus?

David Boardman: In mancher Hinsicht gibt es keine großen Unterschiede. Wir nutzen die selben Techniken, arbeiten gründlich, veröffentlichen Reportagen und analysieren Dokumente, Daten und Interviews. Das steht auch weiterhin im Mittelpunkt. Der lösungsorientierte Journalismus beansprucht aber einen neuen Rahmen. Beim traditionellen investigativen Journalismus geht es darum, den Scheinwerfer auf ein Problem zu richten. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Bevölkerung erhebt und Menschen in Machtpositionen die Situation wieder in Ordnung bringen werden. Manchmal passiert das wirklich. Aber wir haben in zahlreichen Fällen gesehen, dass es eben nicht passiert. Oft werden die Dinge einfach ignoriert, Politiker sagen, sie könnten nichts daran ändern oder es koste zu viel Geld. Im Gegensatz dazu zeigt lösungsorientierter Journalismus, wie diese Probleme auf Resonanz in der Bevölkerung stoßen können. Und das erhöht letztendlich auch die Verantwortlichkeit von Politikern und anderen Zuständigen. Viele investigative Journalisten sind skeptisch und denken, lösungsorientierter Journalismus ist soft. Aber in Wirklichkeit steigert er das Pflichtbewusstsein jener Personen, die sagen, wir können nichts gegen das Problem tun. Diese Antwort zählt nämlich nicht.

Was ist an lösungsorientiertem Journalismus so besonders? Auch der traditionelle Journalismus bietet Lösungen an.

Die Herangehensweise ist eine andere. Traditionell gibt es in den meisten Zeitungen einen Nachrichtenteil, und einen Teil, in dem es um Meinung geht. Gibt eine Zeitung Ratschläge zu bestehenden Problemen, wären diese mit hoher Wahrscheinlichkeit im Meinungsteil zu finden. Die Zeitung nimmt eine redaktionelle Position ein und plädiert für eine bestimmte Themenlösung. Beim lösungsorientierten Journalismus hat das eine andere und viel größere Bedeutung. Die Lösungen werden von den Journalisten aufgezeigt. Wir versuchen mittels gründlicher Analysen potentielle Lösungen für bestehende Problemen herauszufinden. Wir zeigen auf, wo diese Lösungen wirklich funktionieren. Und wenn etwas dort funktioniert hat, könnte es das auch bei uns. Oder eben nicht. Ich möchte nicht unterstellen, dass es keine Journalisten gibt, die versuchen, Lösungen zu finden. Aber seit wir unsere Plattform gestartet haben, haben wir es beim traditionellen Journalismus nicht als wesentlichen Teil gesehen, diese Art der journalistischen Arbeit zu vertreten. Wir sehen einen signifikante Kehrtwende, wie die Leser auf Nachrichteninhalte ansprechen.

Woran merken Medienkonsumenten, dass sie es mit lösungsorientiertem Journalismus zu tun haben?

Man bemerkt es daran, dass wir nicht beim Problem aufhören. Untersuchungen haben gezeigt, dass die meisten Medien ihre Leser mit Hoffnungslosigkeit zurücklassen. Das hat zu einem Phänomen geführt, das in den vergangenen zehn Jahren – etwa seit dem Aufschwung des Internets – unter dem Begriff „News Fatigue“, oder auch Nachrichtenmüdigkeit bekannt geworden ist. Die Hilflosigkeit, die die Menschen empfinden, ist real. Und auf diese Weise wollen sie sich nicht mit der Welt beschäftigen – lieber schalten sie um auf Netflix, als sich den negativen Nachrichten zuzuwenden. Es gibt einfach zu viel Hoffnungslosigkeit in den Nachrichten. Der lösungsorientierte Journalismus gibt den Menschen hingegen ein Gefühl von Stärke und Einfluss.

In welchem Ausmaß ist lösungsorientierter Journalismus dazu geeignet, große Problemlösungen zu skizzieren?

Es ist nicht der Zweck oder die Absicht von lösungsorientiertem Journalismus, Probleme zu lösen. Wir sind glücklich, wenn das passiert. Aber die Absicht ist viel eher, die Bürger zu stärken und mit Informationen auszurüsten, damit sie die Probleme selbst lösen können. Es geht darum, die Rezipienten zu „bewaffnen“, und es ist nicht der Journalist selbst, der das Problem letztendlich löst.
Was die Größe der Probleme angeht, sehe ich keine Limits. Jedes Problem kann durch lösungsorientierten Journalismus angesprochen werden. Aber natürlich, wenn es ein globales Problem gibt, kann beispielsweise eine Zeitung aus Wien nicht genug Personen mit Informationen ausstatten, damit sie das Problem lösen können. Aber wenn man Zusammenarbeit erreicht und viele Publikationen mit an Bord holt, kann es funktionieren. Am effektivsten funktioniert lösungsorientierter Journalismus auf lokaler Ebene, natürlich in kleineren Städten, und auch in Städten mit bedeutsamer Größe. Es kann aber auch in größeren Regionen funktionieren: Wir haben gesehen, dass es in US-Bundesstaaten wirken kann, die in etwa so groß sind wie Österreich. Die Probleme wurden angesprochen und konnten schließlich gelöst werden.

Was kann lösungsorientierter Journalismus zu unserer Demokratie beitragen?

Das Wichtigste, das er für die Demokratie tun kann, ist, die Menschen wieder einzubeziehen. Es kann nur dann eine Demokratie geben, wenn die Menschen informiert sind. Die Bevölkerung wird mit einfachen Antworten und Erklärungen abgespeist. Und wir haben die Auswirkungen auf der ganzen Welt gesehen, wenn Menschen nicht oder falsch informiert sind. Wir sehen es in den USA und auch im Rest der Welt – die aufkeimenden populistischen Bewegungen lassen sich auf die Hilfs- und Hoffnungslosigkeit der Masse zurückführen. Ich denke, der lösungsorientierte Journalismus kann dabei helfen, das zu ändern. Er gibt den Menschen ein Gefühl der Macht, etwas beeinflussen zu können. Ich denke, es gibt kein Problem, dass der lösungsorientierte Journalismus nicht behandeln kann.

Ziele und Vorteile von lösungsorientiertem Journalismus

Nach David Boardman zielt lösungsorientierter Journalismus darauf ab, gründlichen investigativen Journalismus auf das nächste Level zu heben. Diese Art des Journalismus hört nicht bei der Nennung des Problems auf, sondern will herausfinden, welche möglichen Antworten es darauf gibt: mögliche Lösungen, die bereits an anderen Orten funktioniert haben. Die Lösung der Probleme liegt bei den Bürgern, die durch diese Art des Journalismus aktiviert werden sollen.

Zu den Vorteilen zählen nach Boardman:
Wirkung: Bürger werden aktiviert, um an potenziellen Lösungen zu arbeiten.
Leserbindung: Leser schätzen es, dass Lösungsansätze aufgezeigt werden. Sie sind bereit, für Inhalte zu zahlen. Auf Inserate kann somit weitgehend verzichtet werden.
Werbetreibende: Die Inserenten orientieren sich inhaltlich am Kontent, denn sie wollen selbst positive Gefühle erzeugen.

Beispiele für erfolgreichen lösungsorientierten Journalismus:
Minnesota: Die negative Medienberichterstattung über eine somalische Gemeinschaft isolierte diese noch stärker. Junge Männer hatten sich radikalisert und islamistischen Gruppen in ihrer Heimat angeschlossen. Um Lösungsansätze aufzuzeigen, reisten die lokalen Journalisten nach Dänemark, um herauszufinden, wie man in Aarhus erfolgreich mit demselben Problem umgegangen war. Dazu zählen Maßnahmen, welche die Communitys einander annähern sollten (z.B. Veranstaltungen zum gegenseitigen Austausch der Gemeinschaften).

Seattle: Die Probleme mit dem öffentlichen Schulsystem führten zu einer Leistungskluft zwischen weißen und afroamerikanischen Schülern. Rassistische Erklärungen und Schuldzuweisungen an die Lehrer lösten das Problem nicht. Örtliche Journalisten zeigten, wie andere Städte mit diesem Problem umgegangen waren: Die Kommunikation des Problems hatte dort die Diskussion in der Gemeinschaft maßgeblich verändert. Es wurde eine Strategie erarbeitet, es wurden Regeln aufgestellt, Kommissionen und Beratungsstellen gegründet.