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Foul am EU-Solidaritätskorps

Symbolbild
Symbolbild(c) Clemens Fabry (Presse)
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Morgenglosse Die Idee lautete: Junge Menschen sollen in Krisensituationen helfen - dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Die Uefa Euro 2020 war damit wohl nicht gemeint.

Als Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 14. September 2016 im Europaparlament zu Straßburg seine Idee vorstellte, ein Europäisches Solidaritätskorps zu gründen, hatte er hoch fliegende Ambitionen: "Junge Menschen aus der ganzen EU sollen als Freiwillige in Krisensituationen, wie beispielsweise der Flüchtlingskrise oder nach den jüngsten Erdbeben in Italien, dort Hilfe leisten können, wo sie am dringendsten gebraucht wird", sprach Juncker. "Durch ihr freiwilliges Engagement im Europäischen Solidaritätskorps werden diese jungen Menschen neue Kompetenzen erwerben und nicht nur Arbeitserfahrung, sondern auch wertvolle Lebenserfahrung sammeln."

Doch nur eineinhalb Jahre später und ehe dieser dem amerikanischen Peace Corps nachempfundene Freiwilligendienst für 17- bis 30-Jährige überhaupt so richtig begonnen hat, sind Zweifel am Bewusstsein der Kommission angebracht, was der eigentliche Sinn dieses Unterfangens ist. Am 21. Februar nämlich unterzeichneten Kommissionsvizechef Frans Timmermans und Kommissar Tibor Navracsics sowie Uefa-Präsident Aleksander Ceferin ein Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen der Kommission und dem Fußballverband für die Europameisterschaft 2020. Darin findet sich die Klausel, wonach Freiwillige "im Rahmen der europäischen Solidaritätskorpsinitiative in der Lage sein werden, an den Programmen teilzunehmen, welche an den Spielorten der Uefa Euro 2020 durchgeführt werden."

Was tun Freiwillige bei großen Sportveranstaltungen wie dieser? Sie vollbringen Dienste, für welche die Uefa normalerweise bezahlte Arbeitnehmer anstellen müsste. Bei der Euro 2016 in Frankreich waren 6500 Freiwillige im Einsatz, die laut Uefa "in verschiedenen Bereichen wie der Akkreditierung, den Zeremonien, dem Transport, dem Marketing, Ticketing und VIP-Diensten gebraucht werden."

Wenn sich junge Sportfreunde aus Begeisterung dafür, einmal hautnah an den Fußballstars zu sein, freiwillig und gratis dafür hergeben, VIPs die Getränke zu reichen oder Eintrittskarten zu verkaufen, ist das ihr gutes Recht. Doch aus dem EU-Haushalt sollte das nicht finanziert werden - vor allem nicht aus jenen 341,5 Millionen Euro, die für die Jahre 2018 bis 2020 zum Zweck dieses Solidaritäts- und Freiwilligendienstes budgetiert sind.

Das findet auch die deutsche grüne Europaabgeordnete Helga Trüpel, die im Europaparlament als Berichterstatterin für den Entwurf der Verordnung zur Schaffung des Dienstes verantwortlich ist. Von der "Presse" auf das Abkommen zwischen Uefa und Kommission aufmerksam gemacht, reagiert sie tief verärgert: "Das ist nicht möglich. Das muss die Kommission ändern. Da werden wir uns dagegen stark machen. Das ist eine gewinnorientierte Tätigkeit." (Trüpel schlägt übrigens auch die Umbenennung in "Solidaritäts- und Freiwilligendienstes" vor, weil das militärische "Korps" für Missverständnisse sorgen könnte.)

Eine Kommissionssprecherin sagte auf Anfrage, es kämen nur gemeinnützige Tätigkeiten bei Organisationen ohne Gewinnabsicht in Frage. Wie sich das mit der Klausel in dem Uefa-Abkommen vereinbaren lässt, konnte sie jedoch nicht restlos erklären.

Denn zwar betonen globale beziehungsweise kontinentale Sportverbände wie die Uefa, sie seien nicht auf Profit aus. Die wirtschaftliche Realität sieht aber anders aus. Allein mit der Euro 2016 machte die Uefa einen Reingewinn von 847 Millionen Euro. Dieses Sportbusiness ist hochlukrativ, seine Ummäntelung mit den Attributen bieder-braver Vereinsmeierei zynische Augenauswischerei.

Junckers Idee, die Solidarität unter jungen Europäern über die Staatsgrenzen hinweg zu stärken, ist richtig und wichtig. Lesen wir, was dieser Tage im Kulturausschuss des Parlaments im Gesetzesentwurf verankert wurde: "Die Solidaritätsaktivitäten sollen hoher Qualität sein in dem Sinn, dass sie helfen, signifikante, klar identifizierte gesellschaftliche Herausforderungen zu meistern." Der soziale Zusammenhang soll dadurch gestärkt werden, aktive bürgerliche Beteiligung forciert – und das, wie Trüpel betont, vor allem in entlegenen Gegenden, wo die Jugend wenig Chancen hat, an den vielen positiven Aspekten des europäischen Projektes teilzuhaben. Rund 48.000 junge Menschen haben sich bereits angemeldet. Ein Erfolg wie mit dem Erasmus-Programm ist denkbar.

Die Kommission tut gut daran, auf die strenge Einhaltung dieser hehren Ziele zu achten – und sich nicht aus verpeilten Marketingüberlegungen an einen ebenso profitablen wie problematischen Sportverband zu binden.