Biedermann auf Reisen

ALBERTINA. Eine etwas brave Ausstellung stellt erstmals umfassend die Guckkastenbilder Jakob und Rudolf Alts vor.

Ganz so viel Action, wie Bond, James Bond, sie im Auftrag Ihrer Majestät erlebt hat, haben Jakob und Rudolf von Alt „Im Auftrag des Kaisers“ Ferdinand des Gütigen zwar nicht erlebt – so viel überliefert ist. Aber der Ausstellungstitel verleiht der Schau ein bisschen von dem populären Glamour, den sie wissenschaftlich verdient: Erstmals widmet die Albertina diesem Sammlungsschwerpunkt eine eigene Ausstellung, den „Guckkastenbildern“ der Crème de la Crème der Wiener Biedermeier-Aquarellisten, allen voran des Alt-Clans.

Kaiser Ferdinand I. schickte die Künstler 1830 bis 1849 ganz eigennützig auf Reisen durch sein Reich, er wollte sich ihre Schönheit großformatig vorführen lassen, ihre Religiosität (Wallfahrt Mariazell) und seine eigene Wohltätigkeit beim Wiener Hochwasser 1830. Und zwar in einem von hinten beleuchteten Hohlspiegel-Guckkasten, wie er damals auf keinem Jahrmarkt fehlen durfte, so berichtete zumindest Ludwig Hevesi, der Biograf Rudolf von Alts, in der ersten Ausgabe der Secessions-Streitschrift „Ver Sacrum“ 1898.

Seither rätseln die Kunsthistoriker, erklärt die Kuratorin der Albertina-Ausstellung, Maria Luise Sternath. Denn keines der in Wien befindlichen „Guckkastenbilder“ – 227 sind es in der Albertina, 24 in der Nationalbibliothek, 300 waren es insgesamt einmal – hat jemals einen Guckkasten von innen gesehen. Weder sind sie seitenverkehrt ausgeführt, noch sind Bräunungsspuren von der Hitze oder Vorrichtungen zur Aufhängung zu finden. Ein echter Kunstgeschichtskrimi also.

Erst die nach mühseligen Interventionen mögliche Sichtung von 30 weiteren Bildern der Guckkastenserie im Schloss Konopiště bei Prag machte Sternath diese Unterschiede überhaupt klar. Denn die Bilder, die Kaiser Ferdinand I. auf das 1887 erworbene Schloss mitnahm, um sein Heimweh nach Wien zu stillen, zeigen genau, wie sie nach einer Guckkastenbenutzung aussehen müssten – schlimm. Sie wurden mit Karton hinterlegt und bekamen Ringe zur Aufhängung, die sich über die Jahre durch die gestapelten Blätter drückten. Ihr Zustand ist erbärmlich, ein (verständlicher) Grund, warum die Bilder nicht verliehen wurden.

Sehenswert, aber spröde

Schade ist es trotzdem, dass sich die neuen Erkenntnisse in der Wiener Ausstellung nicht spiegeln können. So ist zwar eine sehenswerte, aber etwas brave Schau von 120 Stadt- und Landschaftsaquarellen entstanden, die an narrativer Didaktik, wie sie ein Stockwerk darüber in der Impressionisten-Ausstellung vorgeführt wird, spart. Das System Guckkasten vorzuführen wäre vielleicht ein wenig irritierend, jedenfalls aber auflockernd gewesen. Und wie genau man sich die „Teamarbeit“ von Vater und Sohn Alt vorstellen kann, hätte wohl auch die Besucher interessiert, die nicht bei der Pressekonferenz waren. Etwa, dass die sechs kleineren Blätter in der Ausstellung Vorstudien sind, die direkt in der Natur entstanden sind. Erst im Atelier wurden sie detailgetreu ausgeführt – nicht unbedingt von derselben Hand.

Signiert hat dann aber immer nur eine, und zwar die des Vaters Alt, er stand im Auftrag des Hofes. Von 170 Blättern hat trotzdem 46 Rudolf geschaffen. Ein Unterschied, der in diesen Jahren der künstlerischen Symbiose ungemein schwer zu erkennen ist. Im Laufe seines Lebens überholte der Sohn den Vater aber bei Weitem, im letzten Raum sind einige Spätwerke Rudolfs versammelt, die zeigen, warum die Secessionisten rund um Klimt den ehemaligen Biedermeier 1897, noch im Alter von 85 Jahren, zum Ehrenpräsidenten ernannt haben.

Bis 24.Mai; täglich: 10–18h, Mi: 10–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2010)

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